10.000 Frauen tragen Billig-Brustimplantate

Besonders viele Fälle in Hamburg und Düsseldorf

Zahlreiche deutsche Kliniken haben ihren Patientinnen Billig-Brustimplantate der französischen Firma PIP eingesetzt. Der Silikon-Skandal erstreckt sich über alle Bundesländer.

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Ärzte in Deutschland raten zur Entfernung von Billig-Brustimplantaten.
In Deutschland wurden bislang 25 Fälle von gerissenen Implantaten bekannt. © dpa, Boris Roessler

Offensichtlich sind die Städte Düsseldorf und Hamburg besonders betroffen. Inzwischen ist klar, dass die Patientinnen kaum auf Entschädigungen des Unternehmens hoffen können. Nun werden immer mehr Stimmen laut, die Unterstützung für die Betroffenen fordern - oder anbieten.

Deutsche Experten gehen von bundesweit bis zu 10.000 betroffenen Frauen aus - weltweit sollen es 400.000 bis 500.000 sein. Die Implantate seien zu 20 bis 25 Prozent aus medizinischem Anlass, der Rest aus Schönheitsgründen eingesetzt worden. Die deutschen Kassen tragen im ersten Fall die Kosten der Kissen-Entfernung und der neuen Implantate. Bei Schönheitsoperationen müssen Patientinnen die Kosten zum Teil oder ganz übernehmen. Viele Kassen haben den betroffenen Frauen aber schon von sich aus zusätzliche Unterstützung angeboten.

Am Mittwoch hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 25 gerissene Implantate der Firma PIP gemeldet. Durch das Aussickern aus den Implantaten kann sich das Silikon im Körper verteilen und Entzündungen auslösen. Es wird befürchtet, dass sich zudem das Krebsrisiko erhöht, was jedoch nicht bewiesen ist.

Wer zahlt für die Entfernung der Billig-Implantate?

Die Ärzte können nicht in Haftung genommen werden, wenn sie PIP im guten Glauben implantiert haben. Es geht nach Aussagen deutscher Experten nicht darum, die Zulassung für Medizinprodukte zu ändern. Das helfe nichts, wenn - wie im PIP-Fall - "kriminelle Energie" im Spiel sei. Unangemeldete Kontrollen bei entsprechenden Herstellern seien bereits heute möglich, es gebe aber zu wenig Personal.

Dafür könnten auf den Chemikalienhändler Brenntag aus NRW Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe zukommen. "Das Mülheimer Unternehmen hat möglicherweise seine Produktbeobachtungspflicht verletzt", sagte Wolfram Müller von der auf Produkthaftungsrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Graf von Westphalen in Hamburg dem 'Handelsblatt'.

Nach Angaben der Zeitung bereitet die Münchner Kanzlei Zierhut & Graf bereits eine Klage gegen Brenntag vor. Rechtsanwalt Michael Graf fordere für seine geschädigte Mandantin die Übernahme der Behandlungskosten und Schmerzensgeld. Brenntag war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Das Unternehmen hatte jahrelang an PIP Industrie-Silikon geliefert, das für Brustimplantate ungeeignet ist. Nach früheren Angaben des Unternehmens hatte Brenntag in seinen Auftragsbestätigungen darauf hingewiesen, dass die Produkte ausschließlich für industrielle Zwecke genutzt werden dürfen.

Allein in Nordrhein-Westfalen setzten 25 medizinische Einrichtungen ihren Patientinnen nach Angaben des Düsseldorfer Gesundheitsministeriums die minderwertigen Implantate ein. Medien berichteten, der Schwerpunkt sei der Regierungsbezirk Düsseldorf mit neun Kliniken und sechs Arztpraxen.

In Hamburg sind nach Angaben von Medizinern bislang 180 Frauen bekannt, die PIP-Silikonkissen erhalten haben. "Ich kenne vier Fälle, in denen die Implantate schon ausgetauscht wurden", sagte die Hamburger Landesvorsitzende der Deutschen Gesellschaft der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgen, Regina Wagner.

Zahlreiche minderwertige Implantate wurden auch nach Niedersachsen und Thüringen geliefert. Bis auf Brandenburg - das Land erhob bislang noch keine Daten - meldeten alle Bundesländer zumindest Einzelfälle.