19. April 1943: Der Aufstand im Warschauer Ghetto gegen die Nazis

Symbol des mutigen Widerstands gegen die faschistischen Mörder

Vor 70 Jahren tobte der Zweite Weltkrieg, Millionen Menschen litten große Not unter dem Schreckensregime der Nazis. Vor allem die jüdische Bevölkerung. In Warschau erhoben sich am 19. April 1943 die verbliebenen Juden, die von den Nazis in ein Ghetto gepfercht wurden. Sie leisteten, obwohl sie stark geschwächt und nur unzureichend ausgerüstet waren, dem faschistischen Feind erbitterten Widerstand. Fast alle dieser tapferen Kämpfer kamen ums Leben. RTLaktuell.de erinnert hier an ihren mutigen Aufstand vor genau 70 Jahren.

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70 Jahre Aufstand im Warschauer Ghetto
Am 19. April jährt sich der Aufstand im Warschauer Ghetto zum 70. Mal. Es war die größte jüdische Erhebung gegen das faschistische Nazi-Regime. © dpa, dpa CAF

In den dreißiger Jahren war Warschau eine Art Hauptstadt des Judentums. Mehr als 350.000 Menschen jüdischen Glaubens lebten in der polnischen Metropole. Damit war – zum Zeitpunkt des deutschen Einmarsches in Polen im Jahr 1939 – fast jeder dritte Bürger der Stadt ein Jude.

Dies blieb den Nazis natürlich nicht verborgen. Im November 1940 bauten sie eine 18 Kilometer lange und drei Meter hohe Mauer um mehrere Stadtteile, in denen hauptsächlich Juden lebten. Diejenigen Bürger jüdischen Glaubens, die außerhalb des Ghettos lebten, wurden in das Lager zwangsumgesiedelt. Es wird vermutet, dass anfangs fast eine halbe Million Menschen innerhalb der Mauern lebten.

Und die Lebensumstände waren katastrophal. Die Ghetto-Bewohner wurden sich schlichtweg selbst überlassen. Anfangs konnten viele noch von ihrem Ersparten leben, doch nach und nach kämpften die Menschen allesamt ihren persönlichen Kampf ums Überleben. Es gab Hunger, Seuchen und Krankheiten, vor allem Kinder und alte Menschen verhungerten oder starben an Infekten.

Wer überleben wollte, war auf geschmuggelte Güter angewiesen, die vorbei an deutschen und polnischen Bewachungsposten ins Lager geschleust wurden. Ab Juli 1942 begannen die Nazis mit der Deportation der Ghetto-Bewohner. Die meisten kamen in die Vernichtungsmaschine Treblinka. Das Konzentrationslager lag etwa 100 Kilometer nordöstlich von Warschau.

Besonders perfide: Der Vorsitzende des Judenrates im Ghetto, Adam Czerniaków (1880-1942), sollte bei der Auswahl der zu deportierenden Bevölkerung den deutschen Behörden behilflich sein. So sollte Czerniakow zum Herrn über Leben und Tod gemacht werden. Für ihn ein nicht zu leistender moralischer Kraftakt – Czerniaków beging Selbstmord.

Wie zum Trotz hissten sie die polnische Fahne

Täglich holten die Nazis Überlebende aus dem Ghetto und brachten sie zum sogenannten Umschlagplatz. Von dort ging es dann Richtung Vernichtungslager. So lebten im Frühling 1943 nur noch etwa 50.000 Menschen im Ghetto, als die Nazis beschlossen, das Lager ganz aufzulösen.

Im Lager gab es verschiedene Organisationen, die sich gegründet hatten, um Widerstand zu leisten. Den Bewohnern war klar, dass sie ihre abtransportierten Freunde und Verwandte nie wieder sehen würden. Daher begannen sie, sich zu bewaffnen. Allerdings standen ihnen nur wenige Waffen zur Verfügung, und die Kämpfer waren unausgebildet, durch den Hunger extrem geschwächt und wurden zudem durch die täglichen Deportationen immer weniger.

Am 18. Januar 1943 begann der bewaffnete Kampf. Die 'Jüdische Kampforganisation' (ZOB) und der 'Jüdische Militärverband' (ZZW) lieferten den deutschen Truppen mehrere Tage einen Partisanenkampf. Doch nur jeder zehnte Kämpfer verfügte überhaupt über eine Pistole, mit den Patronen mussten die Kämpfer gut haushalten. Immerhin schafften sie es, die Deportationen zu stoppen, auch wenn die Widerständler etwa 80 Prozent ihrer Kämpfer verloren.

Doch nun sprang der Funke auf die Bevölkerung über. Es bildeten sich viele kleine Widerstandsgruppen, die ihr letztes Geld für geschmuggelte Waffen ausgaben oder die vom polnischen Widerstand außerhalb des Ghettos versorgt wurden.

Am 19. April 1943 umstellten die Soldaten den 'Warschauer jüdischen Wohnbezirk', wie die Nazis das Gebiet nannten. Dann marschierten sie mit etwa 850 Mann ins Ghetto ein. Die Juden hatten nichts mehr zu verlieren, sie stellten sich den Deutschen mutig entgegen.

Wie zum Trotz hissten sie die polnische Fahne und ein weiteres Banner mit einem Davidstern. Die Partisanen-Taktik fügte den Deutschen Verluste zu. Mit gezielten Anschlägen zermürbten sie die Angreifer. Außerdem hatten sie ein Tunnelsystem gegraben und waren so kaum zu stellen. Über die Tunnel konnten die Kämpfer das Ghetto auch verlassen.

Doch die Reaktion der Deutschen war brutal und rücksichtslos, sie richteten ein Werk der Zerstörung an. Teilweise gingen die Soldaten sogar mit Flammenwerfern in die einzelnen Viertel und hinterließen nichts als verbrannte Erde. Je länger der Aufstand dauerte, umso weniger Munition hatten die Widerständler zur Verfügung. Die Kämpfer verlegten sich darauf, nur noch gezielte Attacken aus dem Hinterhalt vorzunehmen.

Allerdings waren die Nazis militärisch und natürlich auch zahlenmäßig weit überlegen. Sie entdeckten viele der Bunker, die den Kämpfern als Rückzugsorte gedient hatten. Durch die Tunnel flohen auch viele der Kämpfer. Sie suchten Unterschlupf außerhalb der Ghetto-Mauern.

Und so verkündete der Befehlshaber auf deutscher Seite, Jürgen Stroop, am 16. Mai 1943 das Ende des Aufstands. Um diesen Worten Ausdruck zu verleihen, brannten die Nazis an jenem Tag noch die große Synagoge nieder.

Der Kampf war aber in Wahrheit noch nicht zu Ende. Einige Partisanen lieferten den Deutschen noch ein Jahr später Widerstand. Immer wieder lauerten einzelne Kämpfer deutschen Patrouillen auf. Leider waren die geflohenen Partisanen auch außerhalb der Mauern ihres Lebens nicht sicher. Denn nicht nur im Ghetto waren die Lebensumstände katastrophal, auch außerhalb kämpften viele Polen ums Überleben.

So wurden viele Juden erpresst und wenn sie nicht ihr gesamtes Hab und Gut abgaben auch noch an die Gestapo verraten. Nicht wenige Widerstandskämpfer blieben im Ghetto und schafften das Kunststück, in den Trümmern bis zur Befreiung im August 1944 zu überleben. Die meisten Widerständler wanderten nach dem Ende des Krieges aus. Nur wenige tausend Juden überlebten das Inferno.

Die Erhebung der Juden im Warschauer Ghetto gegen das faschistische Deutschland wurde zu einem Symbol des Widerstands. Noch heute erinnert ein Denkmal in Warschau an die 'Ghettohelden‘, wie die Polen die Widerstandskämpfer nennen.