200 Babys im Jahr intersexuell: Selbstbestimmung statt Diskriminierung

"Früher war ich eher Junge, heute bin ich weiblich"

Junge oder Mädchen? So lautet meist die erste Frage nach der Geburt. Doch manchmal gibt es darauf einfach keine Antwort. Etwa 200 Kinder werden jedes Jahr als intersexuell geboren. Ihre Geschlechtsmerkmale lassen sich nicht eindeutig zuordnen, sie sind medizinisch gesehen weder Mädchen noch Junge. Bisher mussten die Eltern gleich nach der Geburt das Geschlecht in das Geburtenregister des Kindes auf dem Standesamt eintragen. Die Politik hat das Problem erkannt und gibt den Eltern jetzt mehr Zeit.

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200 Babys im Jahr intersexuell: Selbstbestimmung statt Diskriminierung
Bei der Geburt sah Anna eigentlich aus wie Mädchen - doch die Ärzte stellten männliche Geschlechtsmerkmale fest.

Die Spalte 'Junge oder Mädchen' im Geburtenregister des Kindes kann seit diesem Jahr offen gelassen werden. Für Familien mit intersexuellen Kindern ist das eine wichtige Änderung und ein wichtiger Schritt in Richtung Akzeptanz. Derzeit leben in Deutschland 80.000 bis 120.000 Intersexuelle.

Unter ihnen auch Anna Mayer. Die 14-Jährige ist intersexuell und will aus Angst vor Mobbing unerkannt bleiben, auch ihr Name ist verändert. Anna kam als Mädchen zur Welt, doch dann erkannten Ärzte, dass ihre Erbanlagen männlich sind. Als Kind habe sie sich eher als Junge gefühlt, heute sehe sie sich klar als Frau, erzählt Anna: "Ich habe nie mit Barbies gespielt, sondern immer mit Autos oder Fußball mit den Jungs. Jetzt lackiere ich mir auch die Nägel und bin eher in der weiblichen Rolle."

Die Last der Verantwortung liegt bei den Eltern

Für die Eltern war es ein Schock, als die Untersuchung der Ärzte ergab, dass Anna zwar äußerlich wie ein Mädchen aussah, jedoch Eierstöcke und Gebärmutter fehlten und somit nicht klar war, was in die Geburtsurkunde eingetragen werden sollte. Die ganze Last der Verantwortung lag bei den Eltern.

Jedes Jahr werden etwa 200 intersexuelle Kinder geboren. Von der Erbanlage her sind sie männlich oder weiblich. Doch die körperlichen Geschlechtsmerkmale passen nicht dazu, so wie bei Anna. So lassen sich Intersexuelle keinem Geschlecht eindeutig zuordnen. Lange Zeit wurden diese Kinder schnell operiert, um sie zu einem Mädchen oder Jungen zu machen und in ein Geschlecht zu zwingen. Doch oft ist gar nicht klar, in welche Richtung sich die Kinder entwickeln. "Deswegen ist man in den letzten Jahren auch sehr viel zurückhaltender geworden mit geschlechtsangleichenden Operationen", sagt Prof. Olaf Hiort, Hormonexperte der Universität Lübeck.

Mehr Akzeptanz und mehr Zeit für die Familien, eine Entscheidung zu treffen. Das fordern auch die Interessengruppen. Das neue Gesetz, wonach das Geschlecht des Neugeborenen erst mal offenbleiben kann, ist ein guter Anfang, finden sie. "Wichtig wäre es, dass wir mehr Aufklärung bekommen, zum Beispiel in den Schulen oder der Ärzteausbildung", sagt Lucie Veith, Vorsitzende des Vereins 'Intersexuelle Menschen'. Auch Anna wünscht sich, ganz als Mädchen wahrgenommen zu werden. "Ich bin mein Leben lang als Mädchen aufgewachsen und das ist meine Welt", erzählt sie.