40 Prozent der Chemotherapien sind überflüssig - Abhilfe durch neuen Brustkrebstest

Chemotherapie könnte 22.000 Frauen pro Jahr erspart bleiben

Die Diagnose Brustkrebs trifft in Deutschland rund 72.000 Frauen pro Jahr. Für sie geht es darum, zu überleben. Doch Ärzte beklagen, dass in dieser Situation die lebensrettende Entscheidung, ob eine Chemotherapie Sinn macht, nur aus dem Bauch heraus getroffen werden kann.

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Moderne Brustkrebs-Diagnostik
Moderne Brustkrebs-Diagnostik könnte in vielen Fällen eine Chemotherapie verhindern, doch die Krankenkassen zahlen nicht in jedem Fall. © Photographer: Christoph Seelbach

"Eine Therapie kann zwar aufgrund klassischer Tumorfaktoren wie Größe oder Lymphknotenbefall empfohlen werden, doch sie ist in sehr vielen Fällen nicht objektivierbar und es kommt dann ausschließlich auf die Erfahrung des Arztes an", sagt Prof. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik an der Technischen Universität München. Eine Behandlung nach dem "Gießkannenprinzip".

Neue Studien belegen dies und zeigen auf, dass die Chemotherapie in 40 Prozent aller Fälle überflüssig ist und den Patientinnen sogar schadet. Der Hintergrund: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Es gibt verschiedene Tumortypen, von denen nicht alle auf eine Chemotherapie ansprechen. "Es ist zu bedenken, dass die die psychischen und körperlichen Folgen der Behandlung extrem sind. Sie darf nur dann erfolgen, wenn sie unbedingt nötig ist", so die Vorsitzende der Bayerischen Bioethik-Kommission.

Eine Chemotherapie kann ein chronisches Erschöpfungssyndrom, langanhaltende Nervenschäden oder gar Blutkrebs auslösen. Weitere mögliche Spätfolgen sind schwere Schädigungen des Herzmuskels, Einschränkung von Nieren- und Leberfunktion sowie Gewebeschäden. Zu diesen Problemen kommen noch erhebliche Beeinträchtigungen im Alltag und lange Fehlzeiten am Arbeitsplatz hinzu. "Dank moderner Diagnoseverfahren könnte diese Prozedur etwa 22.000 Frauen pro Jahr erspart bleiben."

Denn zur Beantwortung der Frage, ob eine Chemotherapie überhaupt sinnvoll ist, steht heute eine neue Generation von Diagnoseverfahren zur Verfügung: sogenannte Genexpressionstests wie Oncotype, Mamaprint oder EndoPredict. Sie spüren Risiko-Gene auf, mit denen sich die Rückfallwahrscheinlichkeit nach Entfernung oder Bestrahlung der Krebsgeschwulste besser beurteilen lässt. Vor allem EndoPredict hat Vorteile, weil er Ergebnisse innerhalb eines Tages bringt. Damit ist er der schnellste Gewebetest, der derzeit zur Verfügung steht. Das ist wichtig, denn das Zeitfenster zwischen Operation und Weiterbehandlung ist klein. "Bei knapp der Hälfte der Patientinnen konnten wir auf eine Chemotherapie verzichten. Aber bei fünf Prozent hatten wir den umgekehrten Fall, bei dem der Test ein erhöhtes Rückfallrisiko ergab und die überlebenswichtige Chemotherapie in die Wege geleitet wurde", erklärt Kiechle.

Kassen-Patienten bekommen Test nicht bezahlt

Die Münchener Professorin wird in ihren Aussagen von anderen Wissenschaftlern und Fachverbänden unterstützt. So verweist die Frauenärztliche Bundesakademie darauf, dass EndoPredict seit Herbst 2011 in immer mehr deutschen Brustzentren angeboten wird und Teil verschiedener Behandlungsleitlinien ist. Doch die Kosten für die Laboranalyse sind mit rund 1.800 Euro hoch und zurzeit bekommen fast ausschließlich privat versicherte Patientinnen den Test von ihrer Krankenkasse bezahlt. Die große Gruppe der gesetzlich versicherten Frauen bleibt dagegen auf den Kosten sitzen.

Patientinnen, die sich diesen Test nicht leisten können, werden dann unnötigen Risiken ausgesetzt, kritisiert auch die Frauenärztliche Bundesakademie. Darüber hinaus werde das Gesundheitssystem mit durchschnittlich 12.000 Euro pro Chemotherapie belastet und darin seien nicht einmal die Kosten für die Behandlung von Nebenwirkungen enthalten. Würde hingegen zunächst getestet werden, ließen sich "hochgerechnet fast 100 Millionen Euro im Jahr effektiv einsparen", so Kiechle. Eine Zahl, die jetzt durch eine Studie von Forschern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beim IMPAKT-Brustkrebskongress in Brüssel bestätigt wurde.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Krankenkassen, der GKV-Spitzenverband, argumentieren hingegen damit, dass die Tests nicht abgerechnet werden können. GKV-Sprecher Florian Lanz: "Es steht den Kassen nicht frei, Leistungen zu bezahlen, die nicht zum Leistungskatalog gehören." Hier müsse erst der Gemeinsame Bundesausschuss der Kassen eine Entscheidung treffen.

Ein weiterer Streitpunkt ist der Wirksamkeitsnachweis von Genexpressionstests. "Patientenschutz steht für uns ganz oben. Deshalb ist es kein Argument, nur aus Kostengründen eine Leistung zu bezahlen, obwohl deren Wirkung nicht erwiesen ist“, so Lanz. Brustkrebsspezialistin Kiechle lässt das nicht gelten: "Die Effizienz von Genexpressionstests wurde in mehreren großen Studien belegt und schaut man sich die Behandlungsleitlinien an, so gerät der GKV-Spitzenverband hier zunehmend auf verlorenen Posten."

Daniele Erdorf