60.000 Kosmetikprodukte im Test: Jedes Dritte enthält hormonell wirksame Chemikalien

Bei Marktführern fast jedes zweite Produkt belastet

Spermienrückgang, verfrühte Pubertät oder Hoden- und Brustkrebs - eine Vielzahl von Erkrankungen werden mit hormonell wirksamen Chemikalien in Verbindung gebracht. Trotzdem werden diese Stoffe in Alltagsprodukten eingesetzt - von Duschgel, Rasierschaum, Haargel und Lippenstift über Handcremes und Bodylotions bis zu Zahnpasta. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat jetzt die Inhaltsstoffe von 60.000 Körperpflegeprodukten überprüft. Die Ergebnisse sind erschreckend: Nahezu jedes dritte Kosmetikprodukt in Deutschland enthält hormonell wirksame Chemikalien.

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Kosmetikprodukte im Test: Jedes 3. Kosmetikprodukt schädlich
Die Körperpflegemittel enthielten 15 verschiedene Chemikalien, die wie Hormone wirken. © picture alliance, CHROMORANGE / Yuri Arcurs

Bei den Marktführern Beiersdorf (unter anderem Nivea) und L'Oréal sind fast in jedem zweiten überprüften Produkt hormonell wirksame Chemikalien zu finden. Bei konventionellen Herstellern schnitten die Eigenmarken von dm mit 17 Prozent belasteten Produkten vergleichsweise gut ab. Naturkosmetik ist in der Regel unbelastet. "Wenn es um unsere Gesundheit und vor allem die Gesundheit der Kinder geht, sollten wir keine Experimente machen. Selbst wenn geltende Grenzwerte eingehalten werden, birgt die Kombinationswirkung verschiedener Chemikalien im Körper, der sogenannte Cocktaileffekt, ernste Gefahren. Wir fordern die Kosmetikhersteller auf, in Kosmetika auf hormonell wirksame Chemikalien zu verzichten", erklärt Sarah Häuser, BUND-Chemikalienexpertin und Verfasserin der Studie.

'ToxFox-App' ermöglicht das Überprüfen von Produkten

Die Körperpflegemittel enthielten 15 verschiedene Chemikalien, die wie Hormone wirken. Diese Stoffe dienen vor allem als Konservierungsmittel und UV-Filter. Ihre Verwendung ist legal, obwohl die Stoffe mit gesundheitlichen Problemen in Verbindung gebracht werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet hormonelle Schadstoffe als "globale Bedrohung". Besonders gefährdet sind Föten im Mutterleib, Kinder und Pubertierende, da sich deren Organe noch in sensiblen Entwicklungsphasen befinden.

Vor einer generellen Diskriminierung bestimmter Substanzen warnt der Toxikologe Thomas Platzek vom Berliner Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Seiner Einschätzung nach haben sich etwa Methyl- und Etyhlparaben als sicher erwiesen. "Diese Stoffe sind auch in Lebensmitteln enthalten", sagt Platzek. Andere seien allerdings umstritten. "Auf EU-Ebene wird diskutiert, die Grenzwerte von Propyl- und Butylparaben um die Hälfte abzusenken", ergänzt Platzek. Diese beiden Konservierungsmittel sind zum Beispiel in Dänemark in Produkten für Kinder unter drei Jahren verboten.

Um Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, sich schnell und einfach zu schützen, stellt der BUND ab sofort eine kostenlose iPhone-App zur Verfügung. Die 'ToxFox-App' ermöglicht es, den Barcode von Kosmetikprodukten zu scannen und sofort zu erkennen, ob hormonell wirksame Stoffe enthalten sind. Bei belasteten Produkten lässt sich über die App außerdem eine Protestmail an den Hersteller senden. "Mit der 'ToxFox-App' ermöglichen wir mehr Transparenz. Entscheiden sich viele Verbraucherinnen und Verbraucher bewusst gegen den Kauf hormonell belasteter Produkte, wird das zu einem Umdenken bei den Kosmetikherstellern führen", sagte Jurek Vengels, Leiter des BUND-Kosmetikchecks.