Achter-Ruderin Nadja Drygalla: "Empfinde das als unfair"

Jetzt spricht Nadja Drygalla

Es war der Olympia-Skandal der vergangenen Woche: Die deutsche Ruderin Nadja Drygalla reiste aus dem Olympiadorf ab, weil sie angeblich Beziehungen zur rechtsextremen Szene haben soll. Erstmals hat die 23-Jährige sich jetzt selbst zu dem heiklen Fall geäußert.

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Nadja Drygalla
Erstmals nach ihrer Abreise aus dem olympischen Dorf hat sich Nadja Drygalla selbst zu den Vorwürfen geäußert. © dpa, Bernd Wüstneck

Mit deutlichen Worten distanziert sich Drygalla von rechtem Gedankengut und kämpft um ihre Karriere. "Natürlich möchte ich mit dem Sport weitermachen", sagt die Ruderin in einem Interview und gesteht: "Mir geht es nicht gut, die letzten Tage waren ziemlich anstrengend und ziemlich überraschend."

Ihr Freund Michael Fischer, Direktkandidat der rechtsextremen NPD in Rostock zur Landtagswahl 2011, sei seit Mai 2012 kein NPD-Mitglied mehr und habe "persönlich mit dieser ganzen Sache gebrochen und sich verabschiedet", sagt die Athletin. Sie spreche sich gegen rechte Ideologie aus. "Ich habe keine Verbindung in seinen Freundeskreis und diese Szene gehabt und lehne das absolut ab." Der NPD-Landesvorsitzende Stefan Köster hat inzwischen bestätigt, dass Fischer die Partei Ende Mai verlassen hat. Auch Fischer selbst bestätigte den Austritt.

Berichte, nach denen sie auf Bildern bei einer Neonazi-Demonstration 2009 in Malchow zu sehen sei, weist Drygalla zurück: "Das bin ich nicht, das kann ich ganz klar sagen. Ich empfinde das als unfair und ungerechtfertigt." Wegen der politischen Orientierung ihres Freundes habe sie zeitweise auch an eine Trennung gedacht. "Ich bin froh, dass ich vor den Olympischen Spielen noch einmal klar gesagt habe, dass es so nicht weiter laufen kann."

Die Debatte um ihre Beziehung zu Fischer hat inzwischen auch höchste politische Kreise erreicht. Der auch für den Sport verantwortliche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) fordert eine "gründliche Aufklärung", der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, appelliert an die deutsche Öffentlichkeit, das Olympia-Team aus der Affäre rauszuhalten.

Achter-Fahrerin Drygalla war am Donnerstag nach einem langen Gespräch mit der deutschen Teamleitung aus dem olympischen Dorf in London abgereist. "Ich wollte einfach die Belastung von der Mannschaft nehmen, die zum Teil immer noch im Wettkampf steckte und sich darauf konzentrieren sollte", sagt sie. Trotzdem herrschte zwei Tage lang helle Aufregung im deutschen Team.

"Ich begrüße, dass sich Nadja Drygalla jetzt auch öffentlich klar vom Rechtsextremismus distanziert hat", erklärt der Chef de Mission Michael Vesper, "ihre Aussagen bestätigen meinen Eindruck aus unserem Gespräch. Sie zeigen überdies, dass man einem Menschen nicht gerecht werden kann, wenn man ihn nur über sein Umfeld beurteilt." Er wünsche sich zudem, dass sich Drygallas Partner tatsächlich und dauerhaft aus der rechtsextremen Szene verabschiede.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière kritisierte den Umgang der Öffentlichkeit mit Drygalla: "Steht es uns als Öffentlichkeit eigentlich wirklich zu, den Freundeskreis von Sportlerinnen und Sportlern zu screenen, zu gucken, was da los ist?" Auch Prominente äußerten sich kritisch zu dem Fall. "Zu schlapp oder zu viele V-Maenner, um NPD zu verbieten, aber wenn Macker einer von denen ist, ganz mutig durchgreifen", schrieb beispielsweise Jörg Kachelmann bei Twitter.

Wie für die Rostockerin die sportliche und berufliche Zukunft aussieht, ist derzeit noch völlig in der Schwebe. Im vergangenen Jahr war sie freiwillig aus dem Polizeidienst ausgetreten. Ihre Vorgesetzten hatten aufgrund der Liaison mit Fischer an ihrer "Loyalität gegenüber dem Polizeidienst gezweifelt". Ein Antrag auf Eintritt als Soldatin in die Sportfördergruppe der Bundeswehr zum 1. September liegt nun auf Eis.

Was wussten die Spitzenverbände?

Untersucht werden soll zudem, warum die Spitzenverbände vor Olympia nach eigener Darstellung keine Kenntnis von der Beziehung hatten. "Ich bin erbost über Äußerungen aus der Politik in Deutschland, die sagen, dies sei bekannt gewesen. Warum hat man es uns dann nicht gesagt?", sagte DOSB-Präsident Bach und verurteilte diese Vorwürfe als "inakzeptables Vorgehen".

Innenminister Friedrich betonte, dass "extremistisches Gedankengut" im Sport keinen Platz habe. "Denn Sportler sind auch Vorbilder. Der Sachverhalt muss deshalb umfassend und gründlich geklärt werden", sagte er der 'Bild'.

Die Aussagen des Vorsitzenden des Landessportbundes Mecklenburg-Vorpommern, Wolfgang Remer, lassen vermuten, dass die Verbindungen des Drygalla-Umfeldes regional bekannt waren. Anscheinend wurden sie aber nicht offiziell an die Spitze des deutschen Sports weitergereicht. "Wir wissen seit über einem Jahr, dass es Probleme gibt mit ihrem Freund", sagte Remer. Der Landessportbund (LSB) habe den DOSB aber nicht informiert. "Auf die Idee sind wir gar nicht gekommen. Denn mit der ganzen Olympia-Mannschaft haben wir letzten Endes gar nichts zu tun."

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier wies jegliche Verantwortung für den fehlenden Informationsfluss von sich. "Den DOSB im Zuge der Athletenauswahl zu informieren, wäre Sache der Sportfunktionäre gewesen, die von uns von Anfang an einbezogen worden sind", sagte Caffier im Interview mit der 'Ostsee-Zeitung'. Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns wird sich bei ihrer Kabinettssitzung am Dienstag mit dem Fall Drygalla befassen.

Auch der Deutsche Ruder-Verband (DRV) sei zumindest offiziell nicht informiert gewesen, bestätigte Hans Sennewald, Vorsitzender des Landesruderverbandes Mecklenburg-Vorpommern. "Es hat aber Gespräche am Rande gegeben. Wenn der Deutsche Ruderverband jetzt von dem Thema überrascht worden ist, kann ich das nicht kommentieren", betonte der stellvertretende Vorsitzende von Drygallas Heimatverein.

Nach den Sommerspielen in London solle es weitere Gespräche mit dem DRV geben, kündigt Drygalla an und sagt mit Blick auf die Zukunft: "Wenn einfach nur die falschen Dinge richtig gestellt würden, wäre ich schon zufrieden." Im September will sie wieder mit dem Training beginnen.