Afghanistan-Abzug der Nato: Spiel mit dem Feuer

22.05.2012 | 10:56
US-Präsident Barack Obama ist mit den Ergebnissen des Nato-Gipfels zufrieden. Gastgeber Barack Obama ist mit den Beschlüssen des Nato-Gipfels zufrieden.

Ist die lokale Polizei den Taliban gewachsen?

Der größte Nato-Gipfel in der 63-jährigen Geschichte des Bündnisses ist zu Ende und die Partner sind sich in vielen Fragen einig geworden. Eine wichtige Etappe bei der Raketenabwehr, ein Plan für Afghanistan und mehr Kooperation bei der Rüstung - das sind die wichtigsten Ergebnisse aus Chicago. US-Präsident Barack Obama sagte: "Wir verlassen Chicago mit einer Nato, die stärker, leistungsfähiger und gewappnet für die Zukunft ist."

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Schon im Sommer 2013 wird die Kontrolle über alle Regionen Afghanistans von der Internationalen Schutztruppe Isaf an die lokale Polizei übergeben. Spätestens am 31. Dezember 2014 zieht sich die Nato dann endgültig aus dem Hindukusch zurück. Ab diesem Zeitpunkt sind die afghanischen Einheiten beim Kampf gegen radikalislamische Taliban auf sich gestellt, die Isaf leistet nur noch Unterstützung.

Außerdem werden den Afghanen tausende Ausbilder an die Hand gegeben und ein milliardenschweres Jahresbudget für die einheimischen Sicherheitskräfte und das Militär ins Land gepumpt, um den demokratischen Wiederaufbau zu unterstützen. Von 2024 an muss ist die afghanische Regierung finanziell auf eignen Beinen stehen - dann dreht die Nato den Geldhahn wieder zu.

Ein Plan, der auf sehr wackeligen Füßen steht, denn die Kontroll-Übergabe birgt vor allem in den extrem gefährlichen Hochburgen der Taliban ein enormes Risiko. Ob die lokale Polizei dieser Aufgabe wirklich gewachsen ist, ist mehr als fraglich. Trotzdem zeigte sich Gastgeber Obama vom Erfolg Abzugs-Pläne überzeugt.

Hollandes Alleingang macht Partner nervös

Doch der demonstrative Optimismus trügt. Das Bündnis muss weiterhin um die Kooperation seiner Partner fürchten. Ärger in der Debatte löste vor allem das Ausscheren Frankreichs aus der Nato-Solidarität aus: Präsident Francois Hollande will 2.000 seiner 3.100 Soldaten schon bis Ende 2012 nach Hause holen.

Trotz Hollandes Alleingang sieht Kanzlerin Angela Merkel aber kein grundsätzliches Problem in den Beziehungen zwischen Berlin und Paris. "Es gibt die Kontinuität der guten Zusammenarbeit. Das schließt unterschiedliche Positionen nicht aus", sagte sie.

Wegweisend für eine neue Ausrichtung der Nato waren vor allem Beschlüsse zu milliardenschweren Rüstungsprojekten, die in Chicago verabschiedet wurden. Zudem stellten die 28 Verbündeten auch die Weichen für eine enge Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Beschaffung. Es ist eine Kooperation bei mehr als 20 Projekten geplant.

Bei der Raketen-Abwehr kam das Bündnis einen wichtigen Schritt voran: Das System - ein Schutzschild gegen Angriffe sogenannter Schurkenstaaten wie Iran und Nordkorea - ist in Teilen einsatzbereit. Russland, das sich von dem Abwehrschild bedroht fühlt, machte schon vor dem Beschluss erneut seine strikte Ablehnung deutlich.

Bildquelle: dpa bildfunk