Ägypten: "Polizei schießt ohne Vorwarnung"

Aus Angst bewaffnen sich jetzt auch Bürger

Die Unruhen in Ägypten finden kein Ende: Am von den Islamisten ausgerufenen "Freitag der Wut" fließt wieder Blut, mindestens 80 Menschen sterben, insgesamt sollen bereits 600 Menschen um Leben gekommen sein. Jetzt werden Moscheen zu Leichenhallen, Reisewarnungen ziehen das Land noch tiefer in die Krise. "Im Moment sieht es nicht danach aus, dass diese Gewalt eingedämmt wird", berichtet Antonia Rados aus Kairo. "Im Gegenteil: Im Zentrum von Kairo haben wir Hubschrauber über dem Himmel, Rauchfahnen in einigen Vierteln der Stadt und das Zentrum beim Tahrir Platz ist praktisch abgesperrt von den Militärs und den Sicherheitskräften."

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Am "Freitag der Wut" wurden in Ägypten wieder Dutzende Menschen getötet.
Die Unruhen in Ägypten finden kein Ende: Dutzende Menschen wurden getötet, selbst normale Bürger bewaffnen sich aus Angst. © dpa, Mosaab Elshamy

Die Gewalt scheint weiter zu eskalieren. "Die Militärs haben alles aufgefahren, was sie haben: Panzer, Soldaten." Überall seien sie zu sehen und trotzdem gelänge es den Anhängern der Muslimbruderschaft immer wieder Proteste und Demonstrationen in verschiedenen Vierteln dieser Stadt zu organisieren. "Sie tauchen irgendwo auf - zum Teil auch mit großer Gewaltbereitschaft. Polizeistationen sind in Brand gesetzt worden und auf der anderen Seite schießt dann die Polizei scharf - ohne jede Vorwarnung", so Rados.

"Dazu kommt noch, dass viele Ägypter vor allem in der Hauptstadt jetzt solche Angst haben, dass sie beginnen, sich selbst zu bewaffnen und diesem starken Militärstaat nicht mehr trauen." Das seien alles Zutaten, die darauf hinweisen würden, dass Ägypten direkt auf einen Bürgerkrieg zusteuert, falls es nicht in den nächsten Tagen doch noch zu Gesprächen zwischen Militärs und der Führung der Muslimbruderschaft käme.

Neben den Dutzenden Toten wurden etwa 300 weitere Menschen verletzt. Der Westen zeigt sich schockiert vom blutig ausgetragenen Konflikt zwischen den entmachteten Islamisten und den neuen Machthabern. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Beziehungen zu dem Land auf den Prüfstand stellen. Sie forderte nach einem Telefonat mit dem französischen Präsidenten François Hollande ein Ende des Blutvergießens.

Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande appellierten an die Dialogbereitschaft der Konfliktparteien in Ägypten. Sie bekräftigten, die EU werde sich über das weitere Vorgehen eng abstimmen. Für die kommende Woche ist dazu ein Sondertreffen der EU-Außenminister geplant. Mehrere Länder gingen auf Distanz zur Führung in Kairo.

Bundesregierung schränkt Hilfszahlungen ein und rät von Reisen nach Ägypten ab

Als erste Konsequenz schränkte die Bundesregierung Hilfszahlungen für das Krisenland ein und riet für das komplette Staatsgebiet von Reisen ab. Neu ist, dass nun auch von Reisen in die Urlaubsgebiete am Roten Meer um Hurghada und Scharm el Scheich abgeraten wird. Vor Reisen etwa nach Kairo oder ins Nildelta wurde bereits zuvor "dringend abgeraten". Urlauber, die sich derzeit in den Baderegionen des Landes befänden, könnten ihren Aufenthalt jedoch fortsetzen, da es dort unverändert ruhig sei, sagte ein Sprecher des Branchenprimus Tui. Die meisten deutschen Veranstalter sagten bis Mitte September alle Reisen in das Land ab. Auch viele andere EU-Länder reagierten mit Reisewarnungen.

Der Stopp der Reisen hat auch Folgen für die Flugbranche: Lufthansa-Aktien sackten im Handelsverlauf auf ein neues Tief seit Mitte Dezember ab. Air Berlin fliegt zwar nach Ägypten, neue Flüge können aber bis 15. September nicht mehr gebucht werden. Der Chemiekonzern BASF stellte zudem seine Produktion in dem Land vorerst ein. Auch der Handelsriese Metro schloss Büros und Filialen.

Die USA hatten ihre in Ägypten lebenden Bürger bereits am Donnerstag angehalten, wegen der Unruhen das Land zu verlassen. Präsident Barack Obama verurteilte den harten Kurs der Übergangsregierung scharf und sagte eine gemeinsame Militärübung amerikanischer und ägyptischer Streitkräfte ab. Der UN-Sicherheitsrat rief alle Parteien auf, die "Aggressionen" einzustellen.

Zu den Protesten nach den Freitagsgebeten hatten die islamistische Muslimbruderschaft und verschiedene radikale Islamisten-Parteien aufgerufen. Zehntausende Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi, der aus der Muslimbruderschaft stammt, gingen auf die Straße und schrien ihre Wut über das Blutvergießen in ihren Protestlagern heraus.

Der seit Wochen schwelende Machtkampf zwischen Islamisten und Mursi-Gegnern war am Mittwoch eskaliert, als Sicherheitskräfte zwei zentrale Camps der Muslimbrüder in Kairo gewaltsam geräumt hatten. Das Vorgehen der Polizei und anschließende Angriffe von Islamisten forderten bislang etwa 600 Todesopfer. Die Islamisten pochen auf die Wiedereinsetzung Mursis, der seit seiner Absetzung durch die Armee am 3. Juli an einem geheimen Ort festgehalten wird.