Ägypten-Reportage von Antonia Rados: Meine Schwester, meine Feindin

"Im 21. Jahrhundert wird die Religion per Fernsehen nach Hause geliefert"

"Ich traue meiner Schwester, aber ich traue nicht den Salafisten", so beschreibt Dina ihr zwiespältiges Verhältnis zu Rita (48). Dina (46) ist Ägyptens bekannteste Bauchtänzerin, Film-Star – und Skandal-Frau in einer Person. Ihre zwei Jahre ältere Schwester Rita richtet ihr Leben nach dem Koran aus. Sie ist Anhängerin des Salafismus, eine der extremsten Ausrichtungen des Islam.

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Antonia Rados, Ägypten, Kairo, Muslimbrüder
Die Salafistin tauchte nach dem Sturz von Mursi ab.

RTL-Chefreporterin Antonia Rados hat das ungleiche Schwesternpaar fast ein Jahr lang begleitet und dabei das Spannungsfeld Politik und Religion beleuchtet, das Ägypten – und sogar Familien – spaltet (Meine Schwester, meine Feindin – am Sonntag den 23. März um 23:20 Uhr bei RTL).

Rados' ursprünglicher Plan sah eigentlich nur ein kurzes Porträt der Bauchtänzerin vor. Als sie hörte, dass Dinas Schwester eine Salafistin ist, "wurde aus der geplanten Reportage über eine Frau eine Reportage über zwei Frauen." Beide zusammen fand sie dann doch sehr spannend, sagt die RTL-Chefreporterin im Interview. Besonders die Zusammenarbeit mit Rita gestaltete sich zum Teil jedoch schwierig. "Sie ist eine sehr schüchterne Person und es hat wahnsinnig lange gedauert mit ihr in Kontakt zu treten. Lange war nicht klar, ob sie überhaupt mit uns redet."

Während Dina bei Hochzeiten und Geburtstagsfeiern der oberen Zehntausend in Ägypten tanzt, verlässt Rita praktisch nur zum Einkaufen das Haus. "Im 21. Jahrhundert wird die Religion per Fernsehen oder anderen Kanälen nach Hause geliefert", erklärt Rados. Somit habe sich auch der Gang zur Moschee erübrigt. Mehreren Stunden täglich empfängt die Salafistin auf diesem Wege die Botschaften der vielen religiösen TV-Prediger in Ägypten. Die 48-Jährige sei "eine sehr schüchterne Person, die Gewalt ablehnt und nur in ihrer Religion lebt – und das auch sehr fanatisch", sagt Rados.

"Sie wollte nichts mehr mit dieser Welt zu tun haben"

Antonia Rados, Ägypten, Kairo, Muslimbrüder
Das Misstrauen zwischen den religiösen und nichtreligiösen Gruppen spiegelt sich symbolhaft in Dina und Rita wider.

Als im Sommer 2013 die Proteste gegen Staatspräsident Mohammed Mursi immer gewalttätiger wurden – und das Militär ihn im Juli aus dem Amt putschte – stand die Reportage auf der Kippe. Rita tauchte aus Angst unter. "Sie wollte nichts mehr mit dieser Welt zu tun haben." Es habe Wochen wenn nicht Monate gedauert, um wieder mit ihr in Kontakt zu treten, so die RTL-Chefreporterin.

In der Verfolgung und Isolierung religiöser Gruppen durch das Militär sieht Rados eine große Gefahr: "Im Untergrund kann sich Frustration ergeben, deshalb ist es besser islamische Gruppen am politischen Prozess zu beteiligen." Der Konflikt lasse sich nur im Dialog lösen, das Verbot der Muslimbrüder sei deshalb ein schwerer politischer Fehler, sagt Rados.

Wie groß das Misstrauen zwischen den religiösen und nichtreligiösen Gruppen ist, spiegelt sich symbolhaft in Dina und Rita wider. Ob sie auf Befehl eines Scheichs ihre Schwester umbringen würde, fragt Rados die Salafistin. Die freizügigen Bauchtänzerinnen mit ihren Glitzerkostümen sind vielen Geistlichen in Ägypten ein Dorn im Auge. Sie würde natürlich ihre Schwester verteidigen, antwortet die komplett verschleierte Frau, die nicht mal zum Essen den Niqab (Gesichtsschleier) abnimmt. Zumindest hier ist die Familienbande stärker als die Religion – noch.