Ägypten vor Bürgerkrieg - schwere Zusammenstöße zwischen Militär und Islamisten

08.07.2013 | 17:28
Ägypten Putsch Bürgerkrieg In Kairo eskaliert der Konflikt zwischen Islamisten und ihren Gegnern. Beim Protest vor einer Militäreinrichtung wurden 42 Menschen getötet.

Muslimbrüder rufen zum Aufstand gegen das Militär auf

Die Suche nach einer Übergangslösung für das krisengebeutelte Ägypten gestaltet sich zunehmend schwieriger, das Land droht im Chaos zu versinken, Beobachter warnen bereits vor einem Bürgerkrieg.

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Bei dem schwersten Zwischenfall seit der Entmachtung Mohammed Mursis kamen in der Hauptstadt Kairo mindestens 51 Menschen ums Leben. 435 weitere seien verletzt worden, hieß es aus Sicherheits- und Krankenhauskreisen. Islamisten hatten den Angaben zufolge versucht, eine Militäreinrichtung am Stadtrand von Kairo zu stürmen.

"Demonstranten warfen zuerst Steine, dann fielen Schüsse auf die Wachen der Militäreinrichtung", erklärte ein Polizeisprecher. Die Angreifer hätten unter anderem Schusswaffen und Brandsätze bei sich gehabt. Drei Sicherheitsbeamte seien getötet und acht weitere verletzt worden. Die Gewaltanwendung der Sicherheitskräfte sei angemessen gewesen.

Die Muslimbruderschaft stellte den Ablauf anders dar. Polizei und Armee hätten versucht, einen Sitzstreik der Mursi-Anhänger mit Gewalt aufzulösen, sagte Sprecher Gehad al-Haddad. "Sie schossen auf Menschen, die beteten, die ihre Köpfe zum Gebet geneigt hatten, den Rücken jener Armee zugewandt, der sie vertrauten." Der politische Arm der Organisation, die Partei Freiheit und Gerechtigkeit, rief die Ägypter zu einem "Aufstand" auf gegen die, die "mit Panzern eure Revolution stehlen wollen".

Übergangspräsident Adli Mansur bekundete seine "tiefe Trauer" über das Blutvergießen. Eine Justizkommission werde den Vorfall untersuchen. Zugleich rief er die Demonstranten auf, sich von Kasernen und anderen "vitalen Einrichtungen" des Staates fernzuhalten. RTL-Reporterin Antonia Rados sieht die Rolle der Medien in Ägypten kritisch. "Die Lage wird weiter aufgeheizt durch die staatlichen Medien, die von den Militärs völlig gleichgeschaltet wurden."

Während Dreharbeiten wurde der RTL-Reporter Dirk Emmerich mit seinem Team von Sicherheitskräften stundenlang in Gewahrsam genommen. Im Kurznachrichtendienst Twitter schrieb Emmerich unter '@DEmmerich': "Nach sieben Stunden in Gewahrsam von Armee, dann Polizei. Keine Begründung wie schon bei Verhaftung nicht. Keine Auflagen." Kurze Zeit später wurde Emmerich dann freigelassen.

USA fordern "maximale Zurückhaltung" des ägyptischen Militärs

Als Reaktion auf das neuerliche Blutvergießen haben sich die radikalislamischen Salafisten aus den politischen Gesprächen zur Zukunft Ägyptens zurückgezogen. Das erklärte der Sprecher der Nur-Partei, Nader al-Bakkar. Die Erstürmung des Clubs der Republikanischen Garde sei ein "Massaker" gewesen. Die Salafisten "wollten Blutvergießen verhindern und nun fließt das Blut in Strömen", sagte er.

Auch bei der Suche nach einer Übergangsregierung gibt es keinen Durchbruch. Gegen den neuen Favoriten für den Posten des Regierungschefs, den Sozialdemokraten Siad Bahaa El-Din, gibt es Vorbehalte der ultra-konservativen Nur-Partei, berichtet der Nachrichtensenders Al-Arabija. Auch Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei als Vizepräsident wird von mehreren islamistischen Strömungen abgelegt.

Die ultra-konservative Nur-Partei war früher mit der Muslimbruderschaft verbündet. Zuletzt schloss sie sich aber der Oppositionsallianz gegen den am Mittwoch vom Militär islamistischen abgesetzten Präsidenten Mursi an. Seither kam es bei wiederholten Ausschreitungen und Zusammenstößen der verfeindeten Lager zu mehr als 70 Toten und über 1.000 Verletzten.

Angesichts der jüngsten Gewalteskalation forderten die USA das ägyptische Militär zur Zurückhaltung auf. Wir verurteilen jede Art von Gewalt und auch jede Form der Anstachelung zu Gewalt aufs Schärfste", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. Die US-Regierung erwarte vom ägyptischen Militär "maximale Zurückhaltung" im Umgang mit Demonstranten.

Ein Sprecher von Präsident Barack Obama erklärte, die USA seien besorgt über die Zuspitzung der Lage. Es dürfe nicht zu Racheakten, willkürlichen Festnahmen oder Einschränkungen der Presse kommen. Die US-Regierung prüfe derzeit noch, ob Mursis Entmachtung durch das Militär als Putsch einzustufen sei. In diesem Fall müssten die USA ihre umfangreichen Rüstungshilfen an Ägypten stoppen.

Derweil riefen die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi zu neuen Protesten auf. Alle Ägypter im ganzen Land seien aufgerufen, auf die Straße zu ziehen und gegen den Militärputsch und das jüngste Massaker vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde zu protestieren, sagte der Sprecher eines von den Muslimbrüdern angeführten Bündnisses.

Bildquelle: dpa bildfunk