Alarmierende Studie: Mehr als jeder dritte Hartz-IV-Empfänger psychisch krank

Befund ist "nicht überraschend"

Heinrich Alt, das für Hartz IV zuständige Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, sagt es ganz offen: "Für die, die mit Arbeitslosen und unseren Mitarbeitern in den Jobcentern in Kontakt sind, ist der Befund nicht überraschend." Damit meint er die Tatsache, dass Hartz-IV-Empfänger nach Erkenntnissen von Arbeitsmarktforschern besonders häufig unter psychischen Erkrankungen leiden.

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Hartz IV
Hartz-IV-Empfänger leiden nach Erkenntnissen von Arbeitsmarktforschern besonders häufig unter psychischen Erkrankungen. © dpa, Arno Burgi

Macht Hartz IV krank? Bei mehr als einem Drittel jedenfalls wurde innerhalb eines Jahres mindestens eine psychische Beeinträchtigung festgestellt. Das geht aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Universität Halle-Wittenberg hervor. Die Forscher berufen sich unter anderem auf Krankenversicherungsdaten. Viele Arbeitslose litten unter affektiven und neurotischen Störungen, Depressionen und seelisch bedingten körperlichen Leiden. Da sie wegen ihrer Erkrankungen nur geringe Jobchancen hätten, bräuchten sie eine intensivere Förderung.

Alt sieht Parallelen zur Arbeitswelt und dem immer mehr in den Vordergrund geratenen Problem des 'Burn-Out' im Job. "Früher war Arbeit mit physischer Anstrengung verbunden. Heute haben wir eher psychische Belastungssituationen in der Arbeitswelt. Und ebenso kann natürlich auch Arbeitslosigkeit Depressionen und andere psychische Erkrankungen auslösen oder verstärken", sagte das BA-Vorstandsmitglied.

BA sieht auch die Arbeitgeber in der Pflicht

Die Frage ist nun, wie man mit der Erkenntnis dieses Problems umgeht. Nicht jeder, der unter psychischen Problemen leidet, ist sich dessen bewusst. Und der Job eines Arbeitsvermittlers der Bundesagentur für Arbeit besteht in Arbeitsvermittlung, sie sind nicht unbedingt dafür geschult, psychische Leiden zu erkennen.

Das weiß auch Alt: "Im Zentrum steht die Frage: Erkennen wir die psychischen Probleme auch, die ein Mensch hat? Dafür brauche ich einen geschulten Blick, damit ich sagen kann: Hier könnte vielleicht ein Handicap vorliegen, das einer Arbeitsaufnahme im Weg steht oder einer Qualifizierung."

Ist ein solches "Handycap" erkannt, gibt es in den Kommunen die sogenannten psychosozialen Dienste. Sie sollen eine Diagnose erstellen und Therapievorschläge machen. Doch zwischen den Kommunen gibt es große Unterschiede, oftmals gibt es lange Wartezeiten, was zu weiteren Problemen führt. "Häufig verschlechtert sich noch das Krankheitsbild im Zeitablauf", so Alt.

Der BA-Vorstand sieht auch die Arbeitgeber in der Pflicht: "Unternehmen sollten auch psychisch eingeschränkten Menschen eine Chance geben. Denn viele von ihnen sind hochproduktiv, hoch intelligent. Aber sie müssen in einem Rahmen arbeiten, der nicht zusätzlich belastet, sondern eher in einem Arbeitsumfeld, das zur Genesung beiträgt. Die Erfahrung zeigt: Eine zufriedenstellende Arbeit ist oftmals die beste Therapie."