Amnesty: Shell muss die Schäden im Niger-Delta beseitigen

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Antje Breucking ist Amnesty-Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte. Sie sprach mit RTLaktuell.de über die Umweltkatastrophe im Niger-Delta in Nigeria.

Amnesty: "Die Menschen können ihren Lebensstandard nicht halten"

Die Ölförderung hat im gesamten Niger-Delta in Nigeria eine ungeheuerliche Umweltkatastrophe ausgelöst. Darunter leiden nicht nur die Ogoni, die dort schon seit Jahrhunderten als Fischer lebten, sondern alle Menschen im Delta. Vor allem Shell fördert das 'schwarze Gold' in Nigeria. Die Folgen der Ölförderung sind gravierende Verletzungen der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte in Nigeria. RTLaktuell.de hat mit der Amnesty-Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte, Antje Breucking, über die Problematik gesprochen.

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RTLaktuell.de: Wie ist die Lebenssituation der Ogoni derzeit, bzw. hat sich in der letzten Zeit etwas verbessert?

Antje Breucking: Soweit wir das zur Zeit beurteilen können, hat sich die Lebenssituation der Ogoni nicht verbessert. Es ist auch schwierig, in kurzer Zeit Verbesserungen zu erzielen, da Shell und die anderen Ölfirmen in den letzten fünf Jahrzehnten nicht im ökologischen Sinne agiert haben. Es gibt keine offensichtlichen Maßnahmen von Shell zur Verbesserung der Lebenssituation und wir sehen auch nicht, dass es großflächige Entschädigungen für die Ogoni geben würde.

Frage: Kann man das tägliche Leben der Menschen dort beschreiben? Die Ogoni sind ihrer Lebensgrundlage mehr oder weniger beraubt. Leben die Leute dort einfach im Dreck?

Antje Breucking: Vielen Menschen – nicht nur in Ogoniland, sondern im gesamten Nigerdelta, geht es sehr schlecht: so hatten wir in unserem letzten Bericht ein paar Fälle von Fischern, die aufgrund der Verseuchung im Delta weiter hinrausfahren müssen mit ihren Booten. Das bedeutet aber nicht, dass sie dort dann nicht-kontaminierte Fische fangen. Ihre Arbeit ist insgesamt viel schwieriger geworden. Mancher Fischer hatdeshalb bereits den Job gewechselt und arbeitet jetzt zum Beispiel auf Baustellen. Das Problem ist: dafür sind die Menschen dort dafür gar nicht ausgebildet. Somit konnten viele ihren früheren Lebensstandard nicht mehr halten – das hat unter anderem zur Konsequenz, dass der ein oder andere sich die Schule für seine Kinder nicht mehr leisten kann.

Frage: Wie schätzen Sie die nigerianische Regierung und J. Goodluck ein? Gibt es da ein ernstzunehmendes Interesse an einer Verbesserung des Lebensstandards der Ogoni oder geht es weiterhin nur um Petro-Dollars?

Antje Breucking: Amnesty fordert den nigerianischen Staat immer wieder dazu auf, seinen Pflichten nachzukommen. Die Staaten müssen die Menschenrechte achten, schützen und gewährleisten - das kann man jedoch im Niger-Delta nicht sehen. Die Menschen dort fühlen sich ohnmächtig gegenüber dem großen Konzern. Das liegt auch daran, dass es keine Fürsorge vom Staat gibt, keine Gesundheitsversorgung, kaum sauberes Wasser. Die Menschen müssen mit Langzeitschäden rechnen, bekommen aber vom nigerianischen Staat keinerlei Unterstützung.

Frage: Will der Staat nicht oder kann er nicht?

Antje Breucking: Es ist schwer einzuschätzen, ob Nigeria nicht will oder nicht kann. Wir können nur immer wieder von neuem den Staat dazu auffordern, nach Recht und Gesetz zu handeln. Es gibt viele Gesetze in Nigeria, die die Ölförderung betreffen, die der Staat aber nicht umsetzt. Das 'Gas-Flaring' ist zum Beispiel verboten, wird aber seit Jahren ungehemmt betrieben. Und das, obwohl es Technologien gibt, das Gas aufzufangen. Es wird im Niger-Delta aber weiter abgefackelt - so entstehen Umweltschäden und die Menschen erkranken. Der Staat sagt auch, dass es egal sei, wie ein Ölleck entstanden ist. Die Firmen müssen das Leck schließen und Säuberungen der verschmutzten Natur in die Wege leiten. Nur: Das tun die Firmen einfach nicht. Und der Staat bestraft sie nicht dafür. Und dann bleibt eben alles wie es ist.

"Es gibt keine fairen und gerechten Entschädigungsmaßnahmen!"

Frage: Wie ist die Arbeit von Shell im Delta zu bewerten? Ist da irgendetwas wie ein 'Gewissen' zu erkennen oder geht der Konzern weiterhin über Leichen?

Antje Breucking: Es scheint nur um die Ölförderung und die Gewinnmaximierung zu gehen. Dabei hat Shell Business Prinzipien, die ganz vorbildlich sind. Die kann man sogar auf der Website von Shell nachlesen. Da steht drin, dass sie die Menschenrechte achten und die Umwelt schützen. Doch der Unterschied zwischen Worten und Taten ist extrem: Denn Shell setzt seine eigenen Richtlinien im Niger-Delta einfach nicht um. Der Konzern sagt immer nur, dass die Ölförderung auch Arbeitsplätze schaffe. Doch die große Masse profitiert eben nicht davon. Sie leben mit der Verschmutzung.

Frage: Kann man das Leid überhaupt in Zahlen ausdrücken? Wie groß ist der Verlust der Ogoni und was bietet Shell den Menschen?

Antje Breucking: Das ist schwer zu beziffern. Jeder einzelne, dem zum Beispiel die über lange Jahre aufgebaute Fischzucht aufgrund eines neuen Öllecks an einem Tag kaputt geht, kann natürlich konkret sagen, wie hoch sein Verlust ist. Doch in der Gesamtsumme ist das nicht auszudrücken. Shell betont zwar immer wieder, durch die Ölförderung komme auch Infrastruktur ins Land - aber das alles müsste auf eine Weise passieren, dass es auch tatsächlich den Menschen zugute kommt. Es gibt auch Kompensationszahlungen von Shell, die sind aber leider nicht transparent. Die meisten Menschen sind zudem der technisch-juristischen Fachsprache nicht gewachsen und können entsprechend nicht um ihre Rechte kämpfen. Es gibt keine fairen und gerechten Entschädigungsmaßnahmen. Es gibt auch keine Instanzen, die den Menschen helfen, zu ihrem Recht zu kommen. Hier wäre wieder der Staat gefordert.

Frage: Wie schätzen Sie die Zukunft ein? Was muss sich ändern, damit die Ogoni eine Chance haben? Oder anders gefragt: Wird Shell sich jemals ändern?

Antje Breucking: Wir kämpfen dafür, dass Shell sich ändert. Es gäbe konkrete Maßnahmen, die könnte Shell umsetzen. Die katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt dort müssten gar nicht sein. Es würden nicht so viele Lecks entstehen, wenn die Leitungen besser gewartet würden. Es gibt eine Aufforderung des UN Umweltprogramms (UNEP), einen Fonds über eine Milliarde Dollar zur Reinigung des Ogonilandes einzurichten. Der UNEP-Bericht zeigt da ganz klar die Probleme auf, die anzugehen sind. Wir sagen: Die eine Milliarde Dollar, die die Beseitigung der Schäden und die Entschädigung der Betroffenen kosten würde, sollte Shell alleine aufbringen. Wenn man das mit den Milliarden vergleicht, die der Konzern BP nach dem Untergang der Deepwater Horizon aufgebracht hat, dann ist das noch wenig Geld für Shell. Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Shell eines Tages Maßnahmen ergreifen wird. Das ist das, woran wir arbeiten. Wir brauchen dazu aber auch einen stärkeren nigerianischen Staat

Frage: Und zum Schluss: Was können wir als deutsche Bürger tun?

Antje Breucking: Die Verbraucher haben auf jeden Fall eine große Macht. Wichtig ist, dass sich ein Menschenrechtsbewusstsein durchsetzt. Die Umweltszene ist in den letzten Jahren schon sehr gewachsen. Jeder Verbraucher kann entscheiden, was und wo er einkauft. Amnesty sagt, die Bewusstseinsbildung ist eine wichtige Sache und daran arbeiten wir mit einer gewissen Hartnäckigkeit. Wir haben immer wieder neue Petitionen, mit denen wir an Shell herantreten. Vielleicht sieht der Ölkonzern ja irgendwann mal ein, dass so eine Umweltzerstörung wie im Niger-Delta auch hier in Europa die Menschen interessiert und Betroffenheit hervorruft. Leider ist die Berichterstattung über diese Umweltkatastrophe relativ gering. Doch auch wenn Nigeria weit weg ist, gehen uns diese Vorgänge dort etwas an, weil wir die Menschenrechte schützen müssen und weil das ein ganz wichtiges Ökosystem ist. Ich sehe Potenzial, dass die Verbraucher etwas ändern können. Ich sehe aber vor allem Potenzial bei Shell, dass der Konzern irgendwann endlich die Verantwortung für die Ölkatastrophe übernimmt.


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