Amoklauf in Erfurt: Wer war Robert Steinhäuser?

Robert Steinhäuser - der Amokläufer von Erfurt

Robert Steinhäuser nahm gemeinsam mit seinen Eltern an Familienfesten teil, kaufte neue Kleidung zusammen mit seiner Mutter, spielte mit Freunden Handball – auf den ersten Blick scheint er ein ganz normaler Jugendlicher zu sein. Andererseits ist Robert Steinhäuser auch der junge Mann, den der Amoklauf in Littleton 1999 faszinierte, der sich stundenlang für gewaltverherrlichende Computerspiele begeisterte und selbst eine Sportwaffe besaß. Vor allem aber ist Robert Steinhäuser der junge Mann, der in knapp 20 Minuten 16 Menschen und sich selbst mit 71 Schüssen aus einer Pistole erschoss – er ist der Amokläufer von Erfurt.

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Robert Steinhäuser ist der junge Mann, der in knapp 20 Minuten 16 Menschen und sich selbst mit 71 Schüssen aus einer Pistole erschoss – er ist der Amokläufer von Erfurt.
Robert Steinhäuser ist der junge Mann, der in knapp 20 Minuten 16 Menschen und sich selbst mit 71 Schüssen aus einer Pistole erschoss – er ist der Amokläufer von Erfurt. © picture-alliance/ dpa, DB Thüringer Allgemeine

Geboren wurde Robert Steinhäuser am 22. Januar 1983, als zweiter Sohn eines Ingenieurs und einer Krankenschwester. Er durchlebt eine Kindheit, in der mehr Kritik als Lob auf ihn einprasselt. Grund dafür sind vor allem seine schwachen schulischen Leistungen. Bereits in der vierten Klasse ist sein Zeugnis nicht gut genug, dass er auf das Gymnasium gehen kann. Deswegen ging er auf eine Regelschule. Unterschiedliche Umstände veranlassten die Eltern dazu, eine Versetzung auf das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt durchzusetzen.

Doch Robert ist kein sonderlich strebsamer Schüler, im Gegenteil. Im Februar 1999 meldet er sich für eine externe Prüfung zum Realschulabschluss an, bereits vier Monate später bricht er diese vor der letzten Klausur ab – mit einer 4 in Deutsch, einer 5 in Englisch und einer 6 in Mathematik. Erstmals mit gewaltsamen Zügen auffällig wird Steinhäuser auf einer Klassenfahrt ins brandenburgische Petzow. Mit einer Zigarre im Mundwinkel und einer Flasche Whiskey in der Hand schießt er spielerisch mit seinen Fingern aus der Hüfte und attackiert einen Lehrer mit den Worten "Dich erledige ich".

Rächte er sich für seinen Schulverweis?

Trotz stetig abfallender Leistungen darf der damals 17-Jährige auf den Antrag seiner Eltern und mithilfe der Zustimmung der Schuldirektorin Christine Alt die elfte Klasse wiederholen. Noch im Oktober 2000 tritt er in den Erfurter Schützenverein Domblick ein und erhält so einen Waffenschein. Gemeinsam mit einem Freund arbeitet er an einem außerschulischen Filmprojekt mit dem Titel 'Retaliation' (zu Deutsch: Vergeltung) und tritt aus dem Handballverein aus, in dem er seit seinem zwölften Lebensjahr aktiv spielte.

Im September 2001 wird Steinhäuser wegen eines gefälschten ärztlichen Attests zu einer Anhörung zu Direktorin Alt geladen. Darin entlässt Alt den offenbar schockierten 18-Jährigen von der Schule. Diese Situation wird als möglicher Auslöser für den späteren Amoklauf angesehen. Da sich der von der Schule verwiesene junge Mann gezielt auf die Suche nach Lehrern macht und sich mit deren Ermordung möglicherweise für die Direktoren-Entscheidung rächen möchte.

Ende des Jahres 2001 erwirbt er die Pistole Glock 17 und 1.000 Schuss Munition in einem Waffengeschäft, mit denen er knapp ein halbes Jahr später 16 Menschen und sich selbst erschießt. Eben in diesen sechs Monaten ist Steinhäuser in der Lage, ohne dass dies größere Probleme bereitet, seinen Eltern, seinem Bruder und seinen Freunden vorzutäuschen, er gehe noch zur Schule. Mit Hilfe von gefälschten Zeugnissen schürt er bei seinen Eltern wieder Hoffnung, dass er das Abitur vielleicht doch schaffen kann. Obwohl die Mutter im Zimmer von Robert gegen eine Sporttasche stößt, die mit einem Vorhängeschloss verriegelt ist und ein mutmaßlicher Drohanruf am Gutenberg-Gymnasium eingeht, kann der Amoklauf des Robert Steinhäuser nicht verhindert werden.

Auch deshalb machen sich seine Eltern immer wieder den Vorwurf, dass sie sich zu wenig um ihn gekümmert haben, fragen sich, wie und warum er eine solche Tat begehen konnte. War es der Schulverweis, der Zugang zu Waffen, die fehlende Information der Eltern, der Hass auf Lehrer, das komplizierte und angekratzte Ego von Steinhäuser? Oder ein explosives Gemisch aus all dem? Auch zehn Jahre nach dem Amoklauf kann diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden. Doch für sie bleibt er der humorvolle, wenngleich von Zeit zu Zeit cholerische und leicht reizbare Sohn – und ebenso der Amokläufer von Erfurt. Das bleibt die traurige Gewissheit.

Annekathrin Rudolph


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