Amoklauf in Winnenden: Aufzeichnungen eines Massenmords

Blutbad an der Albertville-Realschule

Tim K. lebt völlig unauffällig, bis er an einer Realschule in Winnenden und auf seiner Flucht 15 Menschen erschießt. Innerhalb weniger Minuten findet sich die Kleinstadt Winnenden in einem Horrorfilm wieder. Die erschütternde Bilanz des Massakers: Tim K. tötet in der Albertville-Realschule neun Schüler und drei Lehrer. Auf seiner Flucht nahm er drei weiteren Menschen das Leben und richtet sich durch einen Kopfschuss selber.

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Amoklauf in Winnenden: Aufzeichnungen eines Massenmords
© dpa, A3419 Stefan Puchner

Laut Augenzeugen betritt Tim K. am 11. März gegen 9.30 Uhr mit einem dunklen Tarnanzug bekleidet die Albertville-Realschule in Winnenden. 580 Kinder und Jugendliche werden hier unterrichtet. Tim hält eine Schusswaffe der italienischen Marke Beretta fest in seinen Händen, die er aus dem Schlafzimmer seiner Eltern entwendet hat. Sein Vater, ein Waffennarr und Mitglied im Schützenverein, besitzt insgesamt legal 15 Waffen. 14 davon waren in einem Tresor gelagert. Bis auf eine.

Tim steigt das Treppenhaus hinauf, stürmt in ein Klassenzimmer im ersten Obergeschoss und tötet fünf Schüler.

Er richtet seine Opfer mit gezielten Kopfschüssen

Er feuert nicht wahllos um sich, sondern richtet seine Opfer mit gezielten Kopfschüssen. "Die Kinder waren offensichtlich völlig überrascht. Als man sie später tot auffand, hatten einige noch ihre Schreibstifte in der Hand", berichtet Landesinnenminister Heribert Rech später.

Nun rennt Tim in den nächsten Raum, erschießt zwei weitere Schüler. Zwei der während dieser Schießerei verwundeten Schüler sollten später noch auf dem Weg ins Krankenhaus sterben. Die Opfer besuchten die 9. und 10. Klassen und waren erst 15 bis 16 Jahre alt. Tim verlässt das Klassenzimmer um seine Waffe nachzuladen. Diese Situation nutzt eine Lehrerin, schließt den Raum ab und rettet so das Leben der restlichen Jugendlichen. Nachdem Tim vergeblich versucht die Tür aufzubrechen, sucht er den Physikraum auf. Er schießt auf eine weitere Lehrerin. Später wird sie von der Polizei tot hinter dem Experimentiertisch aufgefunden.

Erste Notrufe gehen bei der Polizei ein

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© dpa, A9999 DB Sascha Baumann

Um 9.33 geht der erste Notruf per Handy von einem Schüler bei der Polizei ein. "Was er sagte", so ein Polizeisprecher, "war kaum zu verstehen. Im Hintergrund waren Schreie zu hören." Zwei Minuten später treffen drei Beamte einer Interventionseinheit am Ort des Schreckens ein. Als Tim die Polizei bemerkte, feuert er auf sie und ergreift die Flucht. Im Flur erschießt er zwei weitere Lehrerinnen.

Tim schafft es aus dem Gebäude zu entkommen, flieht über das Gelände, erschießt einen Gärtner an der nahegelegenen Klinik für Psychiatrie und Neurologie. Die Lehrer der Geschwister-Scholl-Realschule in Winnenden werden alarmiert. Die Schüler dort werden ermahnt, Ruhe zu bewahren und sich auf den Boden zu legen. Türen und Fenster sollen geschlossen bleiben. "Das war voll der Horror. Das kennt man nur aus dem Fernsehen“, Berichtet Schülerin Olga nachher.

Gegen 10 Uhr zwingt Tim K. auf einem Parkplatz den Fahrer eines VW-Sharan, ihn ins Auto steigen zu lassen und loszufahren. Eine zweistündige Odyssee durch Stuttgart, Böblingen und Tübingen beginnt. Währenddessen riegelt ein Sondereinsatzkommando das Gelände der Schule und die Innenstadt von Winnenden ab. "Die Stadt gleicht einer Festung“, schildert ein Augenzeuge die Situation. "Es herrscht blankes Entsetzen.“ Die Polizei startet die Suche nach dem Todesschützen mit einem Großaufgebot von 1.000 Einsatzkräften. Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach, einem kleinen Dorf bei Winnenden.

Die wilde Flucht

Amoklauf in Winnenden: Aufzeichnungen eines Massenmords
© dpa, A9999 DB

Die Eilmeldungen und Nachrichten über die schrecklichen Ereignisse überschlagen sich im Minutentakt. Zunächst geht man von zwei Opfern und sogar einem möglichen Tod des Täters aus. Der VW-Sharan befindet sich gerade auf der B 313. An der Auffahrt zur A8 kommen Tim K. und sein gekidnappter Fahrer von der Fahrbahn ab und erst auf dem Seitenstreifen nach einem Bremsmanöver zum Stehen. Die Geisel entkommt, Tim setzt seine Flucht zu Fuß fort.

Der Fahrer des VW alarmiert die Polizei. In einem Gewerbegebiet in Wendlingen rennt der 17-jährige in ein Autohaus, erschießt einen Verkäufer und einen Kunden, nachdem ihm nicht wie aufgefordert ein Fahrzeug zur Verfügung gestellt wird. Die Polizei erreicht das Autohaus und eröffnet das Feuer auf Tim. Der junge Mann versucht über den Parkplatz zu flüchten, wird aber am Bein getroffen. Er richtet sich auf.

Massenmörder war erfolgreicher Sportler

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© dpa, A2931 Bernd Weißbrod

Um 12.39 Uhr melden die Nachrichtenagenturen: "Der Amokläufer von Winnenden ist tot.“ Tim K. hat sich mit einem Kopfschuss das Leben genommen.

Warum wurde Tim K. zum Massenmörder? Er lebte nach außen hin völlig unauffällig. Im Sommer 2008 machte er seinen Abschluss an der Albertville-Realschule, um danach eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. Ein ehemaliger Klassenkamerad beschrieb Tim als Einzelgänger, zurückhaltend und ruhig. Eine seiner Leidenschaften war Tischtennis. In der Bezirksrangliste des Jahres 2001 stand er in der Kategorie B2 auf Platz 1.

Der Bürgermeister von Weiler am Stein hat Tim schon zwei Mal als Sportler geehrt. Neben dem Sport hatte Tim eine Vorliebe für Waffen und gewaltlastige Computerspiele wie "Counter Strike“. Soweit, das betonten auch die Ermittler, benahm sich Tim wie jeder andere Jugendliche in seinem Alter. Er spielte nicht mehr und nicht weniger die Ego-Shooter als andere.

Eltern unterschätzten Tims Krankheit

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© dpa, A2931 Bernd Weißbrod

Fakt ist aber, dass Tim seit 2008 unter Depressionen litt, weswegen er in stationärer Behandlung war. Zu den anschließenden therapeutischen Sitzungen ging er jedoch nicht. Er brach die Therapie ab. Die Eltern wussten von der Erkrankung ihres Sohnes - sie hielten sie allerdings nicht für so gravierend, dass sie mit einer solchen Bluttat gerechnet hätten. Ob nun Ballerspiele, die Leidenschaft für Waffen oder seine Depressionen ausschlaggebend für seine Tat gewesen sind, bleibt offen. Auch ob sich Tim vom Amoklauf im US-Bundesstaat Alabama, wo in der Nacht zuvor elf Menschen getötet wurden, beeinflussen ließ, ist unklar.

Die Bluttat ruft starke Erinnerungen an den Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt wach und reiht sich in eine traurige Liste schrecklicher Ereignisse an Schulen weltweit ein.

Lousia Kommer


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