Amrum: Sebastians Tod bleibt rätselhaft

Kann ein Junge mit bloßen Händen 1,50 Meter tief buddeln?

Wie genau kam es zum Tod vom kleinen Sebastian? Laut Obduktionsergebnis ist der Zehnjährige wohl beim Spielen am Strand der Nordseeinsel Amrum verunglückt und erstickt.

- Anzeige -
Amrum Sebastian Gottesdienst Abschied
Blumen und Kerzen stehen am sogenannten Piratenschiff am Wittdüner Strand und erinnern an den dort tödlich verunglückten Sebastian. © dpa, Kinka Tadsen

Hinweise auf Gewalteinwirkung gebe es nicht, teilte die Polizei mit. Doch die Untersuchungen zum genauen Unfallhergang dauern an, denn viele Fragen sind noch immer nicht geklärt.

Experte nennt das Unglück ein Rätsel

Auf der Insel rätseln viele Menschen, wie das Unglück überhaupt passieren konnte. "Wir haben doch alle schon irgendwann einmal Löcher in den Sand gebuddelt, und es ist nix passiert", sagte eine Mutter. Sebastian grub sein Loch unmittelbar neben einer Dünenkette. Dünensand ist besonders feinkörnig und für Sandbauten ungeeignet. Geologen halten es daher für möglich, dass die Grube plötzlich in sich zusammengefallen sei - die trockenen Sandmassen seien wie kleine Glasperlen.

Eine mögliches Szenario erläutert der Geologe Christoph Heubeck von der Freien Universität Berlin: Vermutlich habe der Junge nassen Sand vom Grund des Loches am Rand auf den trockenen Sand aufgehäuft, meint der Experte. Dieser Sand könne dann schließlich abgerutscht sein und habe das Kind unter sich begraben. Eigentlich sei das Unglück vergleichbar mit einer Schneelawine. Das Gewicht der Sandkörner mache einen Verschütteten unbeweglich. Es sei dann unmöglich, den Brustkorb zu heben. "Man erstickt."

Der Wissenschaftler warnte davor, die Gefahr von Sand zu unterschätzen. Der Dünensand auf Amrum sei besonders feinkörnig. Die Reibung sei dabei ähnlich gering wie bei einem Kugellager. Wenn aber feinkörniger Sand mit Schlick oder nassem Sand beschwert werde, könne es zu "katastrophalen Massenbewegungen" kommen, warnte Heubeck. Dies geschehe beispielsweise auch in Wüsten nach einem Starkregen. Dann könnten 50 Meter hohe Dünen auf Hunderten von Metern zusammenbrechen, beschrieb er den Mechanismus.

Heubeck nannte das Unglück aber auch ein Rätsel. Er könne nicht nachvollziehen, wie ein kleiner Junge im Alter von zehn Jahren in der Lage sei, mit Spielgerät ein Loch zu graben, dass "wahrscheinlich mindestens so groß ist wie er selbst. Denn er muss sich dort ja auch noch hineinkauern oder hineinlegen können", sagte Heubeck.

Und warum wurde der Junge trotz intensiver Suche erst nach drei Tagen gefunden? Es war ein normaler Sandspielplatz mit zahlreichen Löchern, Gräben und Buckeln. "Ein weiteres Loch fällt da kaum jemandem auf", sagte Polizeisprecherin Kristin Stielow.

Auch die Polizei beschäftigt sich mit dem Thema und untersucht, ob Sebastian das 1,50 Meter tiefe Loch wirklich alleine und mit bloßen Händen buddelte. Fakt ist: Eine Schaufel wurde unter dem Piratenschiff bisher nicht gefunden. Die Polizei sucht weiter Zeugen, die Sebastian auf dem Spielplatz gesehen haben.

Nach Erkenntnissen der Ermittler spielte der Zehnjährige im Laufe des Tages mit mehreren Kindern im Bereich des 'Piratenschiffs' am Strand von Wittdün. Einer von ihnen sei ein Kind mit dem Namen Lukas gewesen. "Der letzte Spielkamerad, von dem wir wissen", sagte Stielow. Lukas habe den Strand aber am Nachmittag verlassen.

Genau eine Woche nach dem tragischen Tod des Zehnjährigen veranstaltet die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St.-Clemens eine Gedenkfeier - am 'Piratenschiff', wie Pastorin Friederike Heinecke mitteilte.


- Anzeige -