Analyse der Griechenland-Krise: Abkehr vom Spardiktat war bitter nötig

Sparen, sparen, sparen gilt nicht mehr

Griechenland und seine Krise – ein Dauerthema. Aber warum kommen die Griechen nicht auf einen grünen Zweig? Tatsächlich ist in dem Mittelmeerland in den vergangenen Jahren fast nichts besser geworden. Die Griechen ächzen unter dem Spardiktat, doch jetzt – nach mehr als drei Jahren "alternativlosen" Sparkurses – werden die Daumenschrauben gelockert. Die griechische Wirtschaft soll wieder investieren dürfen. Was ist geschehen?

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Griechenland, Krise, Analyse
Die griechische Wirtschaft leidet unter dem Sparzwang, an dem die europäischen Geldgeber viel zu lange festgehalten haben. © dpa, Simela Pantzartzi

Nachdem die europäischen Partner und mit ihr die Troika bestehend aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank mehr als drei Jahre lang auf nichts anderes als sparen, sparen, sparen setzten, hat nun ein Gesinnungswandel stattgefunden. Es ist im Übrigen nicht der erste.

Noch 2009 sagte der damals frisch ins Amt gekommene deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), man könne nicht für griechische Schulden aufkommen. Eine Beruhigungspille für den deutschen Steuerzahler. Doch schon wenige Monate später wurde das erste Hilfspaket für Griechenland geschnürt, das an ein heftiges Spardiktat gebunden war.

Schon damals befürchteten viele Experten und Politiker, dass die griechische Wirtschaft unter dem Sparzwang in eine nicht zu stoppende Abwärtsspirale taumeln werde. "Die Griechen sparen sich tot", sagte Finanzexperte Wolfgang Gerke, der sich in seltener Übereinstimmung mit Gregor Gysi von den Linken wiederfand: "Das Ziel war 2010, dass Griechenland bis 2014 wieder auf eigenen Kreditbeinen steht", sagte er. Davon könne jetzt wohl keine Rede mehr sein.

Griechenland ist ein trauriger Spitzenreiter in Europa

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass das Sparpaket den Griechen die "Luft zum Atmen" nahm, wie es Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras gerne formulierte. Ein Beispiel: Die Arbeitslosigkeit lag in Griechenland im Jahr 2008, dem Jahr, in dem das Land in die Rezession rutschte, bei 7,68 Prozent. Und heute? Die Arbeitslosigkeit hat sich in sechs Jahren mehr als verdreifacht und liegt nun bei 27 Prozent. Ganz zu schweigen von der Jugendarbeitslosigkeit. 59,2 Prozent der Griechen unter 25 Jahren haben keinen Job.

Die Region Dytiki Macedonia ist dabei Europas trauriger Spitzenreiter: Dort sind 72,5 Prozent der Jugendlichen arbeitslos.

Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Es ist klar, dass dem Staat bei so hoher Arbeitslosigkeit die Steuereinnahmen wegbrechen. Die Kaufkraft sinkt, weniger Menschen investieren, Firmen scheuen die Aufnahme von Krediten, es wird weniger Konsum geleistet und damit sinkt die Wirtschaftskraft immer weiter und die Arbeitslosigkeit steigt noch weiter an. Ein Teufelskreis. Auch dies belegen Zahlen der Europäischen Statistikbehörde Eurostat. Das Bruttoinlandsprodukt sank von 342 Milliarden Dollar im Jahr 2008 auf 235 Milliarden im Jahr 2013.

Jetzt haben auch die europäischen Geldgeber und allen voran die deutsche Regierung erkannt, dass es so nicht weiter gehen kann in Griechenland. Der Sparzwang wird etwas gelockert, die Wirtschaft soll wieder etwas Geld in die Hand bekommen, um die dringend notwendigen Investitionen anzugehen. Ein Wachstumsfonds über 100 Millionen Euro soll kleine und mittlere Unternehmen mit günstigeren Krediten versorgen. Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang.

Warum aber dauerte es so lange, bis die Politik sich von dem von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) häufig benutztem Wort "alternativlos" abwendete? Börsenexperte Dirk Müller hat dazu eine einfache, aber schockierende Antwort parat: "Bisher waren die ganzen Rettungsgelder ausschließlich dazu da, die Banken zu retten anstatt die Wirtschaft aufzubauen", sagte er zu n-tv. Und die meisten Banken kommen aus den westeuropäischen Ländern.

Gysi formulierte es ähnlich: "Das Rettungspaket ist nicht für die Griechen geschnürt. Ausschließlich für Banken, für Vermögensanleger und Hedgefonds. Sie bekommen das Geld."

Daher ist der Zorn der Griechen verständlich. Denn Fakt ist, dass die Hilfsgelder zu großen Teilen dazu benutzt wurden, den Schuldendienst zu begleichen. Das Geld blieb also nicht in Griechenland. Fakt ist aber auch, dass die Wahrheit wie immer irgendwo in der Mitte liegt.

Natürlich müssen die Griechen ihr System verändern, auch wenn das schmerzhaft ist. Die Griechen haben sich aufgrund falscher Zahlen den Zutritt zum Euroraum verschafft. Das Land hat mehr als 700.000 Beamte. Deutschland hat etwa 1,5 Millionen Beamte, aber dafür auch knapp achtmal so viele Einwohner. Hier sind Einschnitte notwendig. Aber genauso notwendig sind Hilfen, die auch wirklich den Griechen und ihrer Wirtschaft zu Gute kommen.

Und dazu ist nach Meinung fast aller Experten ein Schuldenschnitt nötig. Der Schuldenschnitt, von dem Schäuble stand heute noch nichts wissen will. "Er wird kommen, früher oder später", glaubt Experte Müller. Vor den Bundestagswahlen im September wird es aber keine schmerzhaften Wahrheiten für den deutschen Steuerzahler mehr geben.

Oliver Scheel


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