Antonia Rados im umkämpften Irak: "Es gibt keine politische Lösung"

18.06.2014 | 08:35
Irak will Extremisten zurückdrängen Freiwillige werden vom irakischen Militär ausgebildet.

Irak will Extremisten zurückdrängen

Die Eskalation im Irak geht weiter: Die Kämpfer der Sunnitenmiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) versuchen offenbar mit aller Gewalt, zur Hauptstadt vorzudringen. Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist sich aber sicher, den Islamistenvormarsch stoppen zu können und beschwört die Einheit aller Iraker. Seine Soldaten kämpfen jetzt direkt vor den Toren Bagdads gegen die Extremisten.

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"Politisch gibt es im Moment keine Lösung", berichtet Antonia Rados, RTL-Chefreporterin Ausland, aus Bagdad. "Die Regierung Maliki sagt, sie ist militärisch stark genug. Nicht nur Bagdad zu verteidigen, sondern sie will das ganze Land wieder von den radikalen Fundamentalisten befreien. Aber es wird ein schwieriger und langer Kampf werden."

In einer Ansprache betonte Al-Maliki, der Irak sei eine Einheit aus Sunniten, Schiiten, Arabern und Kurden. Außerdem wies er Berichte zurück, wonach sich nur Schiiten als Freiwillige zum Kampf gegen die Terrorgruppe gemeldet hätten. "Das ganze irakische Volk stellt sich dieser Gefahr entgegen", lobte Al-Maliki.

Hilfsorganisationen warnen vor einer Flüchtlingstragödie. Nach Angaben der Organisation Ärzte ohne Grenzen zwingen die Kämpfe immer mehr Menschen im Irak in die Flucht. Inzwischen sollen es schon 1,2 Millionen sein. Die Lage verschlechtere sich von Tag zu Tag.

So griffen am Morgen Sunnitische Extremisten die Ölraffinerie in Baidschi an. Baidschi ist für Bagdad strategisch bedeutend. Dort steht auch ein Elektrizitätswerk, das die Hauptstadt mit Strom versorgt. Mitarbeiter der Raffinerie erklärten, dass dabei Maschinengewehre und Mörsergranaten eingesetzt wurden. Laut der türkischen Nachrichtenagentur Dogan seien außerdem rund 60 Bauarbeiter verschleppt worden.

Auch im Nachbarland Syrien eroberten die Truppen der Terrorgruppe Isis mehrere Dörfer und rückten im Norden des Landes näher an die Stadt Aleppo heran. Der Präsident der kurdischen Autonomieregion, Massud Barsani, rief die Bevölkerung zur Gegenwehr auf. "Es ist die Pflicht aller in der Region Kurdistan, die Peschmerga und die kurdischen Sicherheitskräfte zu unterstützen", erklärte er. Die Kurdenverbände stellen sich derzeit im Norden des Landes und in der Region um die ölreiche Stadt Kirkuk den Extremisten der Terrorgruppe Isis entgegen. Barsani rief auch pensionierte Peschmerga-Angehörige auf, ihre früheren Militäreinheiten zu kontaktieren. Der Präsident betonte, die Armee werde Kurdistan weiterhin verteidigen, so wie sie es bislang auch getan habe.

USA sprechen mit Teheran

Rund eine Woche nach Beginn der Auseinandersetzungen hat Maliki derweil ranghohe Militärs von deren Aufgaben entbunden. Diese hätten versagt, ihre Stellungen verlassen und ihre Pflicht nicht erfüllt, so der Regierungschef. Zu den Abberufenen zählt auch der für die Region Ninive verantwortliche Generalleutnant Mahdi al-Gharrawi. Dort liegt die Millionenmetropole Mossul, die die Extremisten nahezu kampflos überrannt hatten.

Unterstützt werden sie dabei von anderen sunnitischen Gruppen, darunter Anhänger des ehemaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein. Inzwischen kämpfen Soldaten in großen Teilen des Landes gegen Extremisten - auch wenige Dutzend Kilometer nördlich von Bagdad.

Die Gegenwehr wächst inzwischen auch international. Nach mehreren Kriegsschiffen entsendet die US-Regierung eine 275 Mann starke Spezialeinheit in das Land, die, wenn nötig, auch zum Kampfeinsatz bereit ist. Die USA sorgen sich um die Stabilität der Region und befürchten einen Zerfall des irakischen Staates. Washington behält sich ein militärisches Eingreifen vor. Als Optionen gelten Luftangriffe sowie eine umfassendere Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte. Der Einsatz von US-Bodentruppen wurde mehrfach ausgeschlossen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht vor allem Amerika in der Verpflichtung, den Vormarsch der Islamisten im Irak zu stoppen. "Natürlich haben die Amerikaner eine ganz besondere Verantwortung", sagte sie. Diese werde von Präsident Barack Obama auch bereits wahrgenommen. Zuvor hatte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) der 'Hannoverschen Allgemeinen Zeitung' gesagt, ihr damaliger Einmarsch im Irak verpflichte die USA, sich um die Entwicklung des Landes zu kümmern. Sie müssten auch ein erneutes militärisches Eingreifen in Erwägung ziehen. Nach Ansicht von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) liegt hingegen die Hauptverantwortung nicht bei den USA. Die Ministerin plädiert eher für eine regionale Lösung.

Bildquelle: Reuters