Arabischer Frühling, zweites Kapitel?

Rados, Bengasi
Antonia Rados während des libyschen Bürgerkriegs 2011 in Tripolis.

RTL-Reporterin Antonia Rados über den Aufstand der arabischen Jugend gegen die Radikalen

In der libyschen Stadt Bengasi gingen am vergangenen Freitag Tausende auf die Straße, vor allem Jugendliche. Nicht, um anti-amerikanische Slogans zu rufen. Im Gegenteil: Sie vertrieben die radikale Gruppe 'Ansar al-Islam' aus Bengasi. Die wird beschuldigt, am 11. September den US-Botschafter und drei weitere Amerikaner ermordet zu haben.

- Anzeige -

Wie in Libyen versuchen in Ägypten oder Tunesien fanatische Religionsgruppen, die Revolution regelrecht zu stehlen. Sie sind nicht stark genug für dieses Vorhaben. Aber sie sind laut genug, zu demonstrieren, wie sie es seit der Veröffentlichung des Anti-Mohammed-Videos in vielen islamischen Ländern gezeigt haben. Jeder Anlass ist ihnen recht. Unterstützt werden sie weniger von der einheimischen Bevölkerung als durch Geldspenden aus Saudi-Arabien und Qatar - die exportieren damit skrupellos den Fundamentalismus in andere Länder.

Die Radikalen näher zu beschreiben, ist überflüssig: Unzählige Reporter, Blogger, Kommentatoren haben es getan - nach den Unruhen nicht nur in Libyen, sondern auch in Ägypten, Jemen und Sudan. Unerwähnt blieb oft, dass diese Proteste von Mini-Gruppen durchgeführt werden. Dass sie weniger lange dauerten als die gegen die Mohammed-Karikaturen.

Der arabische Frühling, Freiheiten und Frauenrechte wurden gleich mitbegraben - etwas zu früh.

Aber gibt es im Moment ein größeres Gespenst, mit dem man den Europäern Angst machen kann als die islamische Gefahr?

Wir bekommen immer mehr Angst, während die anderen keine mehr haben.

Im arabischen Frühling hat die Jugend von Tunesien über Ägypten und Syrien bis Jemen sich im Internet organisiert und ihre Angst verloren - vor den Sicherheitskräften von Gaddafi, Mubarak und des syrischen Diktators Assad. Titel dieses ersten Kapitel der Revolte: Facebook gegen Diktator.

Rap gegen Radikale

Jetzt hat die Jugend in Bengasi gezeigt: Sie fürchtet sich nicht einmal mehr vor den Islamisten. Die pro-westliche Demo, gegen die Radikalen, organisiert von der einheimischen Bevölkerung, ist ein gutes Zeichen. Der arabische Frühling ist nicht tot. Ende. Er hat sich genauso wenig in einen fundamentalistischen Winter verwandelt - obwohl es einige so sehen - nicht nur im Nahen Osten.

Siegessichere Radikale in Bengasi mussten bereits im vergangenen Sommer eine Niederlage einstecken. Bei einer Kundgebung wollte 'Ansar al-Islam' die islamische Gesetzgebung in der Stadt einführen. Daraufhin wurde innerhalb kürzester Zeit via Facebook zu einer Gegen-Demonstration aufgerufen. Zahlreiche Jugendliche folgten diesem Aufruf. Bald waren die Radikalen umringt von Hupkonzerten - und Rap-Musik aus Autoradios. 'Ansar al-Islam' musste ihr Vorhaben in Bengasi aufgeben. Rap gegen Radikale ist neu in der arabischen Welt.

Mit solchen Aktionen wie im Sommer und nun am Freitag beginnt das zweite Kapitel des arabischen Frühlings. Es wird lange dauern. Der Ausgang ist unsicher. Der Titel steht aber schon fest: Facebook gegen Allah.


- Anzeige -