Ärzte: Engpass bei Grippeschutzimpfung droht

Krisentreffen zur Impfstoffversorgung

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat nach dem Rückruf von möglicherweise verunreinigtem Grippeimpfstoff der Schweizer Firma Novartis vor einem Mangel gewarnt. "Wir drohen, auf einen Engpass bei der Grippeschutzimpfung zumindest in Teilen Deutschlands zuzusteuern. Derzeit steht zu wenig Impfstoff zur Verfügung", sagte KBV-Vorstandsmitglied Regina Feldmann. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Hamburger Apothekervereins. "Der Markt ist leer gefegt", erklärte Jörn Graue im 'Hamburger Abendblatt'.

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Novartis Grippemittel
Grippe-Impfstoff von Novartis ist nun auch in Deutschland vom Markt genommen worden. © dpa, Steffen Schmidt

Dafür sind auch Exklusivverträge mit dem Hersteller verantwortlich, die Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg abgeschlossen haben, weil Novartis mit Begripal den günstigstem Impfstoff angeboten hatten. In den Regionen kam es zu Engpässen: Plötzlich teilte die Firma mit, das Mittel vorerst nicht liefern zu können.

Die Lage könnte sich nach dem aktuellen Rückruf verschärfen. "Die jetzige Situation zeigt einmal mehr, was passiert, wenn man rein aus ökonomischen Gründen Verträge abschließt", ereiferte sich Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery. "Die Kassen müssen vom Vertrag mit Novartis zurücktreten, damit die Bevölkerung vernünftig versorgt werden kann."

Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) versuchte zu beruhigen: Obwohl bereits Patienten mit den Novartis-Produkten behandelt wurden, seien noch keine Beschwerden bekannt geworden. Von den 14,2 Millionen freigegebenen Impfstoffdosen entfielen auf die nun vorsorglich aus dem Verkehr gezogenen Chargen 750.000 Dosen, also nur rund fünf Prozent. Und es gebe eine ganze Reihe an alternativen Impfstoffen.

Dennoch hat das Thema jetzt auch die Politik auf den Plan gerufen. Vertreter des PEI, der Krankenkassen und der Pharmahersteller werden sich in der kommenden Woche zu Gesprächen über die Impfstoffversorgung an einen Tisch setzen. Das kündigte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums an. Sein Haus habe das Treffen angeregt.

Ob es einen Engpass geben könnte, ließ der Sprecher offen. Da die Impfstoffproduktion in diesem Jahr wegen verzögerter Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation später eingesetzt habe, liege die Produktion von Impfstoffen im Moment aber ohnehin unter jener der Vorjahre.

"Novartis wusste von den Anomalien seit Juli"

Schwere Vorwürfe werden unterdessen in Italien gegen den Pharma-Konzern erhoben. Laut Gesundheitsministerium hat das Unternehmen aus der Schweiz bereits im Juli von den weißen Partikeln in seinen Grippespritzen gewusst, aber erst mehr als drei Monate später darüber informiert. "Novartis wusste von den Anomalien in einigen Dosen seit dem 11. Juli", zitiert die die Mailänder Zeitung 'Corriere della Sera' Gesundheitsminister Renato Balduzzi. In einem Gespräch mit dem Ministerium habe das Unternehmen eingeräumt, erst gar nicht und dann nur unvollständig informiert zu haben. Zuvor hatte Balduzzi angekündigt, Italien werde Verträge mit anderen Unternehmen schließen. Eigentlich sollte Novartis drei Millionen Impf-Dosen liefern.

Deutschland hatte als viertes Land die Notbremse gezogen und den Impfstoff vom Markt genommen – nun folgten Spanien und Frankreich.

Der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn zeigte sich besorgt: Der Vorgang sei "fatal für die Impfbereitschaft in Deutschland". Für den Vorsitzenden des Verbandes der niedergelassenen Ärzte, Dirk Heinrich, ist es "ein schwerer Rückschlag für die Präventionsbemühungen in Deutschland". Seit etwa drei Jahren seien die Impfraten gegen die Influenza ohnehin schon um rund 30 Prozent gesunken. "Die jüngste Entwicklung hat der Impfbereitschaft einen zusätzlichen Dämpfer verpasst", sagte der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, Marco Dethlefsen. "Das ist sehr ärgerlich."

Novartis indes ist weiterhin von der Sicherheit seiner Grippeimpfstoffe überzeugt. "Wir schätzen, dass in der aktuellen Saison rund eine Million Dosen von unseren saisonalen Grippeimpfstoffen in Europa vorhanden sind, bisher ist von keinen negativen Zwischenfällen berichtet worden", teilte der Konzern mit. Novartis habe den italienischen Behörden bereits eine Bewertung vorgelegt, welche die Qualität und Sicherheit all seiner Impfstoffe beweise. "Das Unternehmen wird weiterhin mit dem italienischen Gesundheitsministerium und der Pharmaziebehörde Aifa zusammenarbeiten, um die Gründe für ihre Entscheidung zu verstehen."