Atomschlag: Ist Nordkoreas Drohung ernst zu nehmen?

"Kim Jong Un setzt die Eskalationsspirale schneller in Bewegung"

Nordkorea spielt mit den Muskeln und lässt sich auch von den neuesten UN-Sanktionen nicht beeindrucken. Wenige Stunden nach der Verhängung schärferer Maßnahmen durch den Sicherheitsrat kündigte das kommunistische Land den Nichtangriffspakt mit Südkorea und alle anderen Abkommen für Entspannung einseitig auf. Am Vortag hatte Pjöngjang den USA mit einem Atomschlag gedroht. Diese geben sich betont gelassen – zu Recht?

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Nordkorea künigt Nichtangriffspakt auf
Das von der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA publizierte Foto zeigt eine nordkoreanische Langstreckenrakete, die im Dezember 2012 vom Sohae Space Center in Cholsan aufstieg. © dpa, Kcna

"Die Vereinigten Staaten sind voll und ganz in der Lage, sich gegen nordkoreanische Raketendrohungen zu verteidigen", sagten wortgleich die Sprecher von Weißem Haus und Außenministerium. Pjöngjang hatte zwar kein konkreteres Ziel genannt, aber martialisch von "atomaren Präzisionsschlägen" gesprochen.

Der Nordkorea-Experte und Vorstand des Instituts für Ostasienwissenschaften an der Universität Wien warnt davor, die jüngsten Drohungen zu unterschätzen. Das Problem sei, dass Präsident Kim Jong Un erst seit rund einem Jahr an der Macht sei und man über ihn noch zu wenig wisse, sagte Rüdiger Frank der 'Saarbrücker Zeitung'. "Fest steht, dass Kim Jong Un die Eskalationsspirale schneller in Bewegung setzt als sein Vorgänger. Immerhin gab es unter ihm schon drei Raketen- und Atomtests innerhalb von zehn Monaten. Früher waren da jeweils mehrere Jahre dazwischen", erläuterte der Experte. "Es wäre also falsch, gleich von vornherein zu sagen, da sei das übliche Tamtam".

Zugleich widersprach er Auffassungen, wonach Nordkorea keinen Atomkrieg führen könne. "Immerhin ist Nordkorea in der Lage, eine dreistufige Rakete ins Weltall zu schießen. Da kann man zumindest von einer gewissen Grundfähigkeit ausgehen."

Nordkorea habe keine adäquaten Kapazitäten, um einen solchen Angriff auszuführen, sagte dagegen der Hamburger Politikwissenschaftler August Pradetto im 'Deutschlandradio Kultur'. "Es gibt ein paar nukleare Sprengköpfe, es gibt einige Raketen – aber das bedeutet noch lange keine interkontinentale Schlagfähigkeit", sagte der Professor der Universität der Bundeswehr Hamburg.

Nordkorea wisse, dass ein auch nur begrenzter Angriff auf US-Streitkräfte in Südkorea - 28.500 sind dort stationiert - die vollständige Vernichtung des nordkoreanischen Militärs und auch seiner politischen Führung nach sich ziehen würde. "Die USA und Südkorea sind militärisch haushoch überlegen."

Truppenübungen von "beispielloser Intensität"

Die angekündigten Strafmaßnahmen der UN nannte er symbolisch, weil wirtschaftliche Sanktionen von China nicht mitgetragen würden. Peking wolle Nordkorea den chinesischen Weg schmackhaft machen: die Wirtschaft zu reformieren ohne die politischen Strukturen zu ändern.

Der Weltsicherheitsrat hatte einstimmig die härtesten Strafmaßnahmen der jüngeren UN-Geschichte verabschiedet. Die Resolution verstärkt die schon bestehenden Strafmaßnahmen durch Reiseverbote und Kontensperrungen. Zudem richtet sie sich gezielt gegen Diplomaten des Regimes. Darüber hinaus gibt eine ganze Reihe Luxusgüter, die nicht mehr nach Nordkorea exportiert werden dürfen, etwa Schmuck und Autos.

Pjöngjang kappte auch den 'Heißen Draht' nach Seoul. Der Verbindungskanal im Grenzort Panmunjom werde geschlossen, zitierten Staatsmedien das Komitee für eine friedliche Wiedervereinigung Koreas. Nordkorea hatte schon 2009 alle innerkoreanischen Abkommen über Entspannung für nichtig erklärt. Der Aussöhnungsvertrag von 1992 enthält unter anderem einen Nichtangriffspakt und sieht Schritte zur militärischen Entspannung vor.

Anders als die USA reagierte Südkorea in scharfem Ton. Das Regime von Machthaber Kim Jong Un werde zugrunde gehen, sollte es den Nachbarn mit Atombomben angreifen, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Kim Min Seok. Nordkorea habe zuletzt Truppenübungen von "beispielloser Intensität" durchgeführt. Dazu seien U-Boote, Kampfjets und Spezialeinheiten mobilisiert worden.

Kanzlerin Angela Merkel ist über Nordkoreas Drohungen "sehr besorgt". Die Staatengemeinschaft werde sich davon aber nicht unter Druck setzen lassen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Die Rechnung geht nicht auf, dass die Welt sich von Kriegsdrohungen beeindrucken lässt." Außenminister Guido Westerwelle (FDP) drohte Pjöngjang mit weiteren Sanktionen. Am Montag werde in Brüssel beraten, ob die EU über die UN-Sanktionen hinaus weitere Maßnahmen ergreifen werde, sagte er. Er appellierte an China, seinen Einfluss auf Nordkorea zu nutzen, um die Provokationen und Verstöße gegen internationales Recht zu beenden. "Es geht hier nicht nur um die koreanische Halbinsel. Es geht hier auch im die Sicherheitsarchitektur der Region und natürlich auch der Welt insgesamt."


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