Augenzeugenbericht aus Istanbul: "Jeder war für jeden da"

Augenzeugenbericht Türkei: Jeder war für jeden da
Gelebte Solidarität: In der Türkei helfen sich die Menschen bei gemeinsamen Protesten, wo sie nur können. © dpa, Sedat Suna

Die Proteste aus der Sicht einer Studentin

Meral Y. studiert an der Mimar Sinan Fine Arts University in Istanbul und wohnt im Stadtteil Besiktas. Dort kam es in den vergangenen Tagen zu den heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten. Die 23-Jährige schreibt über die Protestbewegung in Istanbul und die extreme Polizeigewalt. Sie schildert die Ereignisse aus ihrer ganz persönlichen Sicht. Die Redaktion hat keine Möglichkeit, die Aussagen auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen.

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"Seit Beginn der Proteste haben wir sehr wenig geschlafen. In den ersten zwei Tagen gerade vier Stunden. Die Menschen sind mit den Gedanken nur bei dem, was auf den Straßen passiert und bei den Menschen, die eventuell noch in Gefahr sind. Dieser Zusammenhalt ist unbeschreiblich... Das ganze Volk hat sich vereint. Wenn man auf die Straße geht, ist jeder füreinander da. Wenn ich auch nur einmal husten musste, auch nur an meinen Augen gerieben habe, standen plötzlich Menschen neben mir, die mir Medikamente, Wasser, Gasmasken, Zitronen oder Taschentücher angeboten haben. Wenn ein Demonstrant verletzt war, wurden sofort Taxis bereitgestellt, die die Verletzten mitnahmen.

Als meine Freunde und ich wieder mitten in einer Tränengas-Wolke standen und zum nächsten Kiosk gelaufen sind, um Wasser zu kaufen, hatte der Besitzer schon seine ganzen Wasserflaschen in Becher abgefüllt und uns gegeben. Am Taksim-Platz und in vielen anderen Stadtteilen ist das Internet verlangsamt oder ganz abgestellt worden. Doch fast alle Geschäfte und Gasthäuser haben ihr WLAN freigeschaltet, andere wiederum haben ihre Passwörter veröffentlicht, so konnten wir die Geschehnisse über soziale Netzwerke veröffentlichen. An vielen Häusern waren Menschen am Fenster und haben Verletzte oder Menschen, die vor der Polizei geflüchtet sind, aufgenommen und versorgt. Aber nicht nur das: Während der Proteste, bei denen alle Menschen in Gefahr waren, haben sich viele auch für die betroffenen Straßentiere eingesetzt, sie zu Tierärzten gebracht und die Ärzte haben sie kostenlos versorgt. Dieses Gefühl ist nicht in Worte zu fassen…

Als wir am Taksim-Platz ankamen waren wir Tausende! Kein Bild der Welt, kein Video kann dieses "Gefühl" festhalten. Am Platz waren Anarchisten, Kommunisten, Linke, Nationalisten, junge Menschen, alte Menschen, alle Fußballfans von verschiedenen und verhassten Vereinen. ALLE wurden, bejubelt als sie auf den Platz kamen. Jeder war für jeden da, alle wurden umarmt!

"Wir konnten kaum mehr atmen"

Ich kann mir keinen friedlicheren Protest vorstellen. Wir standen alle nur da. Haben alle nur gejubelt. Und uns gefreut. Gefreut, dass offensichtlich doch alle Menschen zusammenhalten. Aber die Polizei duldet keinen Menschen auf der Straße. Als wir zum Taksim-Platz kamen, erklärten die Polizisten, sie hätten sich zurückgezogen. Als immer mehr Menschen auf dem Platz waren, griffen sie uns an. Aber wir waren mittlerweile so viele, keiner ist zurückgegangen. Nach einer Weile waren die Polizisten weg. Es war so schön, wir dachten, dass sich die Situation jetzt entspannen würde, bis wir mitbekamen, dass die Polizisten in Besiktas, die Menschen die aus Kadiköy mit der Fähre ankamen, angriffen.

Um für sie da zu sein, liefen wir Richtung Besiktas. Dort wurden wir wieder mit Wasser und Tränengas angegriffen, aber das Tränengas war ganz anders als zuvor. Es war viel aggressiver und nicht auszuhalten. Was auch immer es war, es hat gebrannt, uns wurde schwindelig und übel. Wir konnten kaum mehr atmen. Wir haben einen Weg gefunden zu flüchten und sind wieder zurück zum Taksim-Platz und was sich in der Zeit wohl in Besiktas abgespielt hat, waren Szenen wie aus dem Krieg. Ich kann das nicht in Worte fassen. Es waren Bilder wie in Kriegsländern, alle Menschen außer sich vor Angst, Wut und Sorge.

Da ich in Besiktas wohne, habe ich mich auf den Weg zurück gemacht, aber es war unmöglich durchzukommen. Die Polizisten haben weiterhin mit diesem neuen Gas und Wasser angegriffen. Durch viele Umwege und Hilfe von anderen, haben wir es dann geschafft, nach Hause zu kommen. Auf dem Weg haben wir bemerkt, dass die gesamte Stadt verwüstet ist. Es gab keinen einzigen Fleck mehr, der einen nicht an Krieg erinnerte.

Ich habe mich dann hingelegt und war teilweise etwas traurig über den Vandalismus. Doch als ich aufwachte, las ich mit Gänsehaut: Die Menschen in Istanbul haben sich jetzt zum Putzen zusammengetan! Sie sind auf die Straßen gegangen und haben versucht, alles wieder sauber zu machen.

Die Medien in der Türkei hatten bis gestern nichts von alle dem berichtet, erst jetzt wird es aufgegriffen! Obwohl ab und an Journalisten mit ihren Kameras auf den Taksim-Platz kamen – ausgestrahlt wurde nichts. Aber es ist so schön, zu sehen, dass sich die ganze Welt darum kümmert und die Menschen hier unterstützt. Das ist unglaublich schön, danke dafür, das gibt Kraft um weiter rauszugehen."

Bearbeitung: Jakob Paßlick


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