Bahn-Chaos ist hausgemacht – keine Lösung in Sicht

Bahn kündigt Verbesserungen an

Weiter massive Probleme am Mainzer Hauptbahnhof: Nicht mal jeder zweite Zug erreicht die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz - und zehntausende Pendler im Rhein-Main-Gebiet sind genervt. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Immerhin: Bahn-Chef Rüdiger Grube macht das Chaos und die gravierenden Fehler bei der Personalplanung in seinem Unternehmen jetzt zur Chefsache. Aber: Die Eisenbahn-Gewerkschaft EVG warnt: Mainz könne sich jederzeit überall in Deutschland wiederholen

- Anzeige -
Bahn-Chaos ist hausgemacht – keine Lösung in Sicht
Bahnchef Grube bricht seinen Urlaub ab um das Bahn-Chaos zu lösen. © dpa, Rainer Jensen

Die Bahn will das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof ab nächster Woche lindern, kann es aber nicht sofort abstellen. Ab kommendem Montag würden Züge zwischen und 06.00 und 20.00 Uhr zu 15 Prozent nicht fahren, kündigten die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und DB Netz-Chef Frank Sennhenn nach einem Krisengipfel in Mainz an. Ab dem 17. August solle an Wochenenden wieder der Normalfahrplan gelten. In der letzten Augustwoche wolle die Bahn zum Vollbetrieb zurückkehren, falls es nicht zusätzliche Krankmeldungen der Fahrdienstleiter gebe. "Es gibt Linderung", sagte Dreyer. Sie zeigte sich aber nicht zufrieden.

Bei der Deutschen Bahn AG fehlen nach Ansicht der Gewerkschaft GDL auch mindestens 800 Lokführer. Man werde im nächsten Tarifvertrag mit dem Unternehmen eine verbindliche Personalplanung vereinbaren, teilte der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, Claus Weselsky, mit. Die bislang vereinbarten Einstellungsquoten reichten nicht aus, um die Abgänge der kommenden Jahre zu kompensieren, sagte er. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Überstunden bei den aktuell rund 22.500 Lokführern auf mehr als drei Millionen Stunden in diesem Jahr angewachsen. Auch bei den privaten Bahnen mit rund 4.500 Lokführern fehlten rund 200 Stellen.

Seit mehr als einer Woche fallen am Mainzer Hauptbahnhof, einem Knotenpunkt, wegen Personalmangels Züge aus oder werden umgeleitet. Die Lage verschärfte sich am Montag, weil es nun auch tagsüber Einschränkungen gibt. Die Probleme in Bahn-Stellwerken sind größer als bisher angenommen. So gebe es auch in Amorbach-Beuchen (Bayern), Bebra (Hessen), Berlin-Halensee, Berlin-Tempelhof, Lahnstein-Friedrichssegen (Rheinland-Pfalz), Niederarnbach (Bayern) und Zwickau (Sachsen) Beeinträchtigungen, sagte ein Sprecher der Bundesnetzagentur.

Steinbrück trägt das Thema in den Wahlkampf

Bahn-Chef Grube hat selbst seinen Urlaub abgebrochen, um die Krise in Gesprächen mit der rheinland-pfälzischen Landesregierung, der Stadt und der Eisenbahnergewerkschaft.zu entschärfen. Viel zu spät, finden viele Pendler - und auch Politiker. Das Thema ist im Wahlkampf angekommen: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kritisierte Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und die Personalpolitik der Deutschen Bahn AG. "Hier wurde offenbar falsch gespart. Das rächt sich jetzt", sagte er der 'Passauer Neuen Presse'. Die Bahn-Mitarbeiter zu bestrafen und aus dem Urlaub zurückzuholen, sei der falsche Weg.

"Die Fahrdienstleiter brauchen auch ihre Erholung, sonst betreibt man Raubbau an ihnen. Sie sind nicht für diese Fehlplanung verantwortlich", sagte Steinbrück der Zeitung. Von der Bahn forderte er schnelle Lösungen und Abhilfe. Ramsauer tue allerdings so, als gehe ihn das als Eigentümer der Bahn alles nichts an.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat Vorwürfe einer Mitschuld an Problemen bei der Bahn zurückgewiesen: "Die christlich-liberale Bundesregierung hat die Scherben aufgekehrt und den Kurswechsel hin zu einer kundenorientierten Deutschen Bahn vollzogen." Zuvor hätten der damalige Bundesfinanzminister und heutige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sowie Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) eine Privatisierung des Konzerns vorangetrieben. Sie hätten "das Unternehmen kostenmäßig ausgeblutet und so die Braut für den Börsengang geschmückt". Dabei sei auch Personal "sträflich heruntergefahren" worden. Seit 2010 würden Mitarbeiterzahlen und Investitionen dagegen wieder erhöht.

Die Probleme der Bahn sind hausgemacht - eine Spätfolge der Ära Mehdorn. Der ehrgeizige ehemalige Bahnchef sparte und sparte, vor allem beim Personal um die Bahn fit zu machen für die Börse. Das rächt sich jetzt bitter. Und bringt Gefahren: Vor zwei Wochen sollen im Mainzer Hauptbahnhof zwei S-Bahnen beinahe kollidiert sein. Das Eisenbahnbundesamt ermittelt. Dabei sind tausende Stellen bei der Bahn unbesetzt - einfach ein paar Leute aus Urlaub zurückrufen, löst das Problem also wohl nicht.