Bangladesch: Mehr als 200 Tote und 1.500 Verletzte nach Hauseinsturz

"Wir bohren Löcher durch die Decken"

In Bangladesch ist die Zahl der Toten nach dem Einsturz eines achtstöckigen Fabrik- und Einkaufsgebäudes auf 204 gestiegen. Die Rettungskräfte hätten die Leichen aus den Trümmern geborgen, sagte ein Polizeisprecher. Bei der Mehrzahl der Opfer handele es sich um Arbeiterinnen von Textilfabriken. Mehr als 1.500 Menschen seien verletzt. Es wird befürchtet, dass noch Hunderte unter Betonteilen liegen. Es müsse daher mit noch mehr Toten gerechnet werden.

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Bangladesch, Textilfabrik, Einsturz
In Bangladesh ist die Zahl der Toten nach dem Einsturz eines achtstöckigen Fabrik- und Einkaufsgebäudes weiter angestiegen. © REUTERS, ANDREW BIRAJ

Die Rettungsarbeiten an der Unglücksstelle in einem Vorort der Hauptstadt Dhaka dauerten auch über Nacht an. "Wir bohren Löcher durch die Decken und gehen hinein", sagte Brigadegeneral Mohammad Siddiqul Alam Sikder, der die Operation leitet. Es werde gegraben, bis der letzte gefunden sei. Die Rettungskräfte müssten aber extrem aufpassen, da jederzeit weitere Teile der kreuz und quer liegenden Betonplatten kollabieren könnten.

Viele überlebten in Hohlräumen und Spalten unter den tonnenschweren Betonteilen. Mehr als 2.000 Menschen seien lebend geborgen worden, sagte ein Polizeisprecher. "Wir werden noch einen Tag lang suchen, um die Lebenden zu retten", sagte Hossain Shahid Suhrawardy, der die Rettungsarbeiten überwacht.

Helfer von Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz, Militär und Hunderte Freiwillige reichten den Menschen, die noch in den Trümmern festsaßen, durch Risse und Spalten Wasser. Auch versuchten sie, Sauerstoff in die Hohlräume unter dem Trümmerberg zu blasen. "Ich will leben, bitte helft mir, hier herauszukommen", schrie ein Überlebender, der zwischen einer Säule und einer umgestürzten Wand gefangen war.

"Diejenigen, die noch am Leben sind, sind schwer verwundet", sagte einer der Helfer, der gerade aus dem Trümmerberg kletterte. Ein anderer Freiwilliger berichtete dem Onlineportal 'banglanews24', dass zwei Frauen im Inneren ihre Babys bekommen hätten - sie hätten alle vier nicht gerettet werden können.

Die Zeitung 'Daily Star' berichtete online, dass in einem weiteren Gebäude in der Hauptstadt Risse entdeckt worden seien. Daraufhin sei das sechsstöckige Gebäude mit 5.000 Textilarbeitern evakuiert worden. Auf allen Regierungsgebäuden wehten am offiziellen Trauertag die Fahnen auf Halbmast. In Moscheen und Tempeln beteten die Menschen für die Opfer. Die Regierung versprach, sofort jeder Familie eines Toten umgerechnet etwa 200 Euro zukommen zu lassen, die Familien von Verletzten sollen etwa 30 Euro erhalten.

Während heute ein offizieller Trauertag begangen wird, gingen tausende Textilarbeiterinnen auf die Straße, um gegen die schlechten Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Die wütenden Arbeiter forderten, die Verantwortlichen der Tragödie zur Rechenschaft zu ziehen. "Verhaftet sie! Hängt sie!", schrien sie. Tausende zogen durch die Gebiete Savar, wo das Gebäude stand, und Ashulia, wo im November bei einem Fabrikbrand 112 Menschen ums Leben kamen. Sie blockierten große Straßen und zerstörten nach Polizeiangaben mehrere Fahrzeuge.

Klagen gegen Besitzer des Gebäudes eingereicht

Nach Informationen des Online-Nachrichtenportals 'bdnews24' wurden indes zwei Klagen gegen den Besitzer des Gebäudes und die Betreiber der Textilfabriken eingereicht. Beim Bau des achtstöckigen Gebäudes sollen demnach strukturelle Fehler gemacht und minderwertiges Material verwendet worden sein.

Die in dem eingestürzten Gebäude ansässigen Firmen hatten Einzelhandelsketten in Europa und Nordamerika beliefert. Nach Angaben des Verbands der Textilindustrie arbeiteten zum Zeitpunkt des Unglücks mehr als 3.000 Menschen in den Betrieben. Es habe Hinweise der Stadtverwaltung auf Risse in dem Gebäude gegeben, sagte Verbandschef Atiqul Islam. Man habe den Firmen daher geraten, die Fertigung einzustellen. Die fünf Textilbetriebe hätten jedoch den Beteuerungen des Hauseigentümers geglaubt, dass keine Gefahr drohe.

Der britische Textileinzelhändler Primark bestätigte, dass einer seiner Lieferanten in dem Unglücksgebäude untergebracht war. Die Tochter von Associated British Foods, die in Europa mehr als 257 Läden betreibt, äußerte sich entsetzt und schockiert. Auch die kanadische Textilkette Lowlaw, eine Tochter von George Weston Ltd, unterhielt geschäftliche Beziehung zu einer der Fabriken. Die betroffenen Betriebe haben nach Reuters vorliegenden Auftragszetteln und Schnittmustern für Marken wie Mango und Benetton gearbeitet. Benetton bestreitet dies.

Das arme südasiatische Land Bangladesch ist weltweit der zweitgrößte Hersteller von Bekleidung. Nach dem Großfeuer in einer Textilfabrik in Tazreen bei Dhaka im November, bei dem 112 Menschen getötet wurden, hatten der US-Einzelhändler Wal-Mart und die Modekette Gap ein stärkeres Augenmerk auf die Sicherheit angekündigt.