Barmer-Studie: 37.000 Euro aus der eigenen Tasche für Pflege

27.11.2012 | 16:21
Pflegereport 2012 Barmer GEK Kosten Zwei von drei Frauen und jeder zweite Mann werden in Deutschland ein Pflegefall.

Mehr als jeder Zweite wird zum Pflegefall – Tendenz steigend

Rund einen Monat vor Inkrafttreten der Pflegereform von Union und FDP schlägt die Krankenkasse Barmer GEK Alarm. Zwei von drei Frauen und jeder zweite Mann werden zurzeit pflegebedürftig – Tendenz steigend. Einen Teil der Kosten übernehme zwar die gesetzliche Pflegeversicherung, aber das reiche oft hinten und vorne nicht, steht im Pflegereport 2012.

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Pflegebedürftige müssen demnach im Schnitt insgesamt 37.000 Euro aus eigener Tasche für das Pflegeheim zahlen. Allein gut 31.000 Euro fallen fürs Pflegeheim an, weitere 6.000 Euro für ambulante Leistungen. Im Extremfall reichen die privaten Anteile bei stationärer Pflege bis zu 305.000 Euro. Die Pflegeversicherung übernimmt durchschnittlich für einen Pflegeversicherten Leistungen in Höhe von 33.000 Euro.

Ein Drittel der Betroffenen kommt nicht ins Heim, entsprechend entfallen hier diese Kosten. Insgesamt 40 Prozent müssen der Studie zufolge weniger als 463 Euro zuzahlen. Die Heimentgelte schwanken deutlich: In Nordrhein-Westfalen liegen die Kosten am höchsten, in Sachsen am niedrigsten.

Frauen werden älter und müssen wegen längerer Heimpflege privat im Schnitt 45.000 Euro beisteuern, während Männer 21.000 Euro selbst aufbringen müssen. Wer die Kosten nicht tragen kann, bei dem springt in der Regel die Sozialhilfe ein. Im Schnitt trägt sie gut 3.000 Euro für stationäre und 400 Euro für ambulante Pflege.

"Damit wird konkret fassbar, dass die Pflegeversicherung immer eine Teilkaskoversicherung war, ist und bleiben wird", so Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse. Die Linken forderten als Konsequenz die Einführung einer Pflegevollversicherung, ähnlich wie bei den Krankenkassen. Dafür ist auch die Gewerkschaft Verdi. Dies könne bei einem Durchschnittseinkommen von 2.500 Euro schon für 40 statt derzeit 24 Euro Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil realisiert werden.

‘Pflege-Bahr‘: "Gut gemeint - aber sozialpolitisch falsch"

Die Barmer GEK kritisierte, die von der Koalition geplanten staatlich geförderten Pflegezusatzversicherungen seien angesichts der Kosten nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Unabhängig vom Einkommen sollen Versicherte fünf Euro pro Monat erhalten, wenn der monatliche Beitrag mindestens zehn Euro beträgt. Dieser vom FDP-Gesundheitsminister initiierte ‘Pflege-Bahr‘ soll zusammen mit der schwarz-gelben Pflegereform Anfang 2013 eingeführt werden. Die Details sollen in einer Verordnung geregelt werden, die morgen das Kabinett passieren soll. Laut dem Entwurf nimmt die Regierung an, "dass im Jahr 2013 etwa 1,5 Millionen förderfähige Pflege- Zusatzversicherungsverträge abgeschlossen werden".

"Der ‘Pflege-Bahr‘ trägt nicht zur Lösung der Pflegeproblematik bei", kritisierte Studienautor Heinz Rothgang von der Universität Bremen. Nur Einkommensstärkere würden sich für so eine Absicherung entscheiden und der nötige weitere Anstieg der Pflegeleistungen entsprechend der Preisentwicklung werde ausbleiben. Auch Schlenkers Fazit zum ‘Pflege-Bahr‘ fällt negativ aus: "Gut gemeint - aber sozialpolitisch falsch." Der Abschluss der Zusatzversicherungen müsse verpflichtend werden.

Für die Studie wurden vom Zentrum für Sozialpolitik die Kosten für rund 2.000 Versicherte ab 60 Jahren analysiert, die im Jahr 2000 erstmalig pflegebedürftig geworden waren. Dazu wurden die Ausgaben der Pflegeversicherung in den Jahren 2000 bis 2011 summiert. Kosten bis 2024 wurden von den Autoren geschätzt. Damit lasse sich erstmals beziffern, welche Kosten für die Pflege in der Sozialversicherung, der Sozialhilfe sowie privat aufgebracht werden müssten, erklärte Rothgang.

Laut Report ist die Zahl der Pflegebedürftigen 2011 erstmals weniger stark gewachsen. In Ostdeutschland nimmt sie aber viel stärker zu als im Westen. Derzeit beziehen 2,46 Millionen Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung werden es in 18 Jahren etwa eine Million mehr sein. Bis 2050 sollen weitere 800.000 Pflegebedürftige hinzukommen.

Bildquelle: dpa bildfunk