Bayreuth: Fall Peggy erneut vor Gericht – eine zweite Chance für Ulvi Kulac

10.04.2014 | 11:45
Fall Peggy Peggys Mutter, Susanne K., reicht Ulvi Kulac vor Prozessbeginn die Hand.

Geständnis unter Folter?

Mit dem Wiederaufnahmeverfahren um das Verschwinden der kleinen Peggy aus Bayreuth wird in einem der mysteriösesten Kriminalfälle des Landes ein neues Kapitel geschrieben. Der geistig behinderte Ulvi Kulac (36), der 2004 als Mörder des neun Jahre alten Mädchens zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, hat nun die Chance, seine Unschuld zu beweisen.

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Gleich zu Beginn hat sein Anwalt Michael Euler Polizei und Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe gemacht. Falschaussagen und fehlerhafte Ermittlungsergebnisse seien nicht erkannt worden, sagte er vor dem Landgericht Bayreuth. Für Kulac entlastende Ergebnisse seien auf Nebenakten verteilt worden, ohne dies dem Gericht bei dem Prozess vor zehn Jahren mitzuteilen. Die Leiche des Mädchens wurde nie gefunden. Der Fall muss neu aufgerollt werden, weil beim ersten Prozess nicht bekannt war, dass die Ermittler eine Tathergangshypothese angefertigt hatten - sie war dem späteren Geständnis von Kulac verblüffend ähnlich. Zudem widerrief ein wichtiger Belastungszeuge seine Aussage.

Er hatte behauptet, Kulac habe ihm den Mord an Peggy gestanden. Später sagte er jedoch, dies sei eine Lüge gewesen. Euler hält seinen Mandanten für ein Justizopfer: "Denn es ist nur schwer zu glauben, dass ein geistig Behinderter das perfekte Verbrechen begangen haben soll. Ohne Leiche. Ohne Spuren", sagte der Verteidiger vor Prozessbeginn.

Wer sich die Mühe mache, die rund 14.000 Aktenseiten durchzuarbeiten, erhalte ein ganz anderes Bild von dem "an Komplexität kaum zu übertreffenden Fall", sagte Euler vor Gericht. Kulac habe bei seinen damaligen Vernehmungen insgesamt vier völlig widersprüchliche Geständnisse abgelegt. Euler zitierte aus einem psychiatrischen Gutachten, wonach Kulac die Begabung habe, selbst Lügengeschichten äußerst fantasiereich zu erzählen. Die Geständnisse seien eben solche Fantasiegeschichten gewesen. Am 7. Mai 2001 war die Schülerin Peggy im oberfränkischen Lichtenberg spurlos verschwunden. Kulac nannte den Ermittlern verschiedene Orte, wo er Peggys Leiche entsorgt haben wollte. Doch an keiner Stelle wurde das Mädchen gefunden.

Kulac habe die Geschichten aus panischer Angst vor dem Gefängnis erzählt, sagte Euler. Die Beamten hätten ihn teils mit Schokolade zu Aussagen überredet. Immer wieder sei ihm eingeredet worden, er müsse nicht ins Gefängnis, wenn er nur die Wahrheit sage. Der Gastwirtssohn, der damals das geistige Niveau eines Zehnjährigen gehabt habe, sei nach den Befragungen immer "fix und fertig" gewesen. Er habe am ganzen Körper gezittert und mit Medikamenten beruhigt werden müssen. "Mein Mandant ist während der Vernehmung auch gefoltert worden", so Euler. Ein Polizist habe damals mit seinem Daumen in den Rücken des Angeklagten gedrückt und ihm Schmerzen zugefügt. Die Staatsanwältin Sandra Staade wies den Foltervorwurf zurück und warf ihrerseits Euler vor, sich im Ton vergriffen zu haben.

Staatsanwalt Daniel Götz verlas zum Auftakt - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die gleiche Anklageschrift wie beim ersten Prozess vor zehn Jahren. So sehen es die Regularien für ein Wiederaufnahmeverfahren vor. Die Strafkammer am Landgericht Hof war vor zehn Jahren davon überzeugt, dass Kulac die Schülerin zunächst auf einem Feldweg verfolgte und ihr dann so lange Mund und Nase zuhielt, bis sie sich nicht mehr rührte. Mit diesem Mord habe er einen vier Tage zuvor begangenen sexuellen Missbrauch an Peggy vertuschen wollen, hieß es im Urteil. Staatsanwältin Sandra Staade entgegnete Euler, er habe nur die für seinen Mandanten entlastenden Fakten aus den Ermittlungsakten erwähnt. Einiges sei auch falsch geschildert worden. Für das Verfahren sind zunächst zehn Verhandlungstage angesetzt.

Viele Fragen in dem Fall sind noch offen:

Weshalb kommt der Fall Peggy nach zehn Jahren wieder vor Gericht?

Das Landgericht Bayreuth ordnete die Wiederaufnahme des Verfahrens aus zweierlei Gründen an: Ein wichtiger Belastungszeuge räumte im September 2010 ein, falsch ausgesagt zu haben. Er hatte 2004 behauptet, Ulvi Kulac habe ihm den Mord an Peggy gestanden. Beim damaligen Prozess war außerdem nicht bekannt, dass die Ermittler eine Tathergangshypothese erstellt hatten - sie war dem späteren Geständnis von Kulac verblüffend ähnlich.

Wie und weshalb soll Kulac die kleine Peggy getötet haben?

Das Gericht war davon überzeugt, dass der Gastwirtssohn die Schülerin zunächst auf einem Feldweg verfolgte und ihr dann so lange Mund und Nase zu hielt, bis sie sich nicht mehr rührte. Mit diesem Mord habe er einen vier Tage zuvor begangenen sexuellen Missbrauch an Peggy vertuschen wollen, hieß es im Urteil.

Warum gibt es Zweifel an dieser Version?

Kulacs Betreuerin Gudrun Rödel führt ins Feld, dass er wegen seines enormen Körpergewichts gar nicht in der Lage gewesen wäre, dem Mädchen hinterherzurennen. Außerdem müsste ein geistig Behinderter das perfekte Verbrechen begangen haben - denn die Leiche von Peggy wurde nie gefunden. Auch Spuren gibt es so gut wie keine.

Welche Behinderung hat Ulvi Kulac?

Der heute 36-Jährige erlitt im Alter von zweieinhalb Jahren eine Gehirnhautentzündung. Seitdem ist er geistig behindert. Ein Gutachten aus dem Jahr 2003 bescheinigte ihm einen IQ von 67.

Wo ist Kulac untergebracht?

Kulac ist in keinem Gefängnis. Wegen exhibitionistischen Handlungen vor Kindern wurde er noch vor seiner Verurteilung im Fall Peggy in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Dort befindet er sich noch immer. Seine Freiheitsstrafe wegen Mordes hat er noch nicht angetreten. Sollte Kulac von dem Vorwurf freigesprochen werden, kommt er nicht automatisch aus der Psychiatrie frei.

Wurden bei der Suche nach Peggy tatsächlich auch Hinweisen von Hellsehern nachgegangen?

Die Polizei prüfte jeden Hinweis zunächst auf Plausibilität. Das galt auch für Tipps von Hellsehern. Denn: Der Täter hätte sich als Hellseher ausgeben können, um sich nicht verdächtig zu machen, wie ein Polizeisprecher erklärt.

Lebt Peggy womöglich noch?

Die Unterstützer von Kulac haben diese Theorie immer wieder ins Spiel gebracht. Sie glauben an eine Entführung. Bereits bei den ersten Ermittlungen 2001 und 2002 gaben Zeugen an, ein Auto mit tschechischem Kennzeichen in Lichtenberg gesehen zu haben, in das Peggy eingestiegen sei. Diese Spur führte aber ins Leere.

Bildquelle: dpa bildfunk