Bertelsmann-Studie: In manchen Regionen wird bis zu achtmal häufiger operiert

Operationen in Deutschland: "Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme"

In einem Land wie Deutschland müsste die medizinische Versorgung doch eigentlich für alle gleich sein. Zwei Studien belegen jedoch das Gegenteil. Über-, Unter- oder Fehlversorgung im Gesundheitssystem ist ein alter Streit zwischen Kassen und Ärzten. Die Studien zeigen nun, dass Strukturreformen nötig sind.

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Bertelsmann-Studie Operationen in Deutschland
Eine Bertelsmann-Studie belegt: In manchen Regionen wird achtmal mehr operiert. © dpa, Maurizio Gambarini

Kindern werden in manchen Regionen Deutschlands Studien zufolge achtmal häufiger die Mandeln herausgenommen als anderswo. Ähnlich große regionale Unterschiede gibt es bei Blinddarm- oder Prostata-Operationen und beim Einsetzen eines Defibrillators am Herzen. Zu diesem Ergebnis kommen zwei Studien der Bertelsmann Stiftung und der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Auch beim Einsatz künstlicher Kniegelenke, bei Kaiserschnitten oder Gebärmutterentfernungen unterscheidet sich die Operationshäufigkeit zwischen den Regionen um das Zwei- bis Dreifache. Rein medizinisch seien solche Unterschiede nicht zu erklären. "Große regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme", sagte OECD-Direktor Mark Pearson. Und Dr. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, sagt: "Die großen regionalen Unterschiede bestehen seit längerem. Es ist schwer zu verstehen, warum niemand nach den Ursachen forscht, denn hinter den Zahlen können sich in einigen Regionen echte Fehlentwicklungen zulasten der Patienten verbergen."

Die Autoren der Studien verweisen unter anderem auf die Kreise Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz), Bremerhaven oder Delmenhorst (Niedersachsen), in denen sie diese hohen Quoten an Mandeloperationen feststellten. "Offensichtlich spielen hier andere Faktoren eine Rolle als nur die medizinische Notwendigkeit", sagt Mohn.

Ähnliche Ergebnisse in anderen europäischen Staaten

Die Ergebnisse beruhen auf einer Langzeituntersuchung. Die Bertelsmann Stiftung beobachtet seit 2007 die Häufigkeit von Operationen in allen 402 Kreisen und Städten von Deutschland. Demnach bleibt das Ausmaß der regionalen Unterschiede über die Jahre bei den einzelnen medizinischen Eingriffen nahezu gleich. Es sind auch überwiegend dieselben Regionen, die konstant unter besonderer Über- oder Unterversorgung litten.

Verantwortlich für die großen regionalen Unterschiede sind keineswegs nur wenige Ausreißer. Bei den Mandelentfernungen etwa weichen den Studien zufolge 137 der 402 deutschen Städte und Gemeinden um mehr als 30 Prozent vom Bundesdurchschnitt ab. "Das legt die Vermutung nahe, dass betroffene Kinder in jeder dritten Stadt und jedem dritten Kreis entweder über- oder unterversorgt werden." OECD und Bertelsmann Stiftung empfehlen Ärztekammern und Fachgesellschaften sowie den zuständigen Aufsichtsbehörden dringend, die auffälligen Regionen einer Untersuchung zu unterziehen. Die OECD-Studie kommt übrigens für die anderen untersuchten Staaten, darunter Frankreich, Spanien und England, zu ähnlichen Ergebnissen.