Bertelsmann-Studie zum Rentensystem: Familien sind die Verlierer

Wer Kinder hat, zahlt drauf

Die heute veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Familien haben bei der Rente gegenüber Kinderlosen deutliche Nachteile: Wer Kinder großzieht und damit eine finanzielle Mehrbelastung hat, wird langfristig nicht belohnt, sondern zusätzlich belastet. Auch die geplante Rentenreform von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ändert daran nur wenig.

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Bertelsmann-Studie zum Rentensystem: Familien sind die Verlierer
Familien haben bei der Rente gegenüber Kinderlosen deutliche Nachteile, so das zentrale Ergebnis einer Bertelsmann-Studie. © dpa, Frank Leonhardt

Familien, die Kinder großziehen, tragen höhere Belastungen: Neben ihrem eigenen Lebensunterhalt kommen sie gleich für zwei weitere Generationen auf: Über die Rentenbeiträge finanzieren sie die Generation ihrer eigenen Eltern und investieren zusätzlich Geld und Zeit für die eigenen Kinder. Besonders wenn die Kinder noch klein sind, schränken Mütter - und immer häufiger auch Väter - ihre Berufstätigkeit ein. Damit sinken das Einkommen und die Rentenansprüche. Das wird im aktuellen Rentensystem allerdings nicht angemessen honoriert.

"Unser Rentensystem benachteiligt Familien - ausgerechnet diejenigen, die das System am Leben erhalten", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Nach Berechnungen der Studie zahlt ein heute 13-Jähriger im Laufe seines Lebens durchschnittlich 77.000 Euro mehr in die Rentenkasse ein, als er am Ende selbst Rente beziehen wird. Seine Eltern schränken sich fürs Großziehen finanziell ein, werden dafür aber kaum entlohnt. Denn sie müssen genauso viel einzahlen wie Kinderlose. Die heutige gesetzliche Rentenversicherung sei "nicht familiengerecht" und habe dringenden Reformbedarf, so das zentrale Ergebnis.

Mütterrente kann die Lücke nicht ausgleichen

Die etwa 156 familienpolitischen Maßnahmen ändern laut der Studie nichts an dem Minusgeschäft, das die Eltern im Hinblick auf das Rentensystem eingehen. Zwar kommt die Allgemeinheit, darunter auch die Kinderlosen, für die Kosten von Kitas, Schulen, Kindergeld und Elterngeld auf. Nach Berechnungen der Studie zahlt ein durchschnittliches Kind im Laufe seines Lebens trotzdem 50.500 Euro mehr in die Sozialkassen und ins Steuersystem ein als es an staatlichen Zuschüssen für Betreuung und Bildung erhält. Später finanzieren die Kinder sowohl die Altersbezüge ihrer eigenen Eltern als auch die Renten der Kinderlosen.

"Angesichts der Leistung von Eltern und der positiven Effekte, die ein Kind im weiteren Leben für die Gesellschaft erzielt, sollten Familien in der Erziehungsphase finanziell entlastet werden", so Dräger. Denn die hohe Belastung von Familien durch Rentenversicherungsbeiträge erhöht das Risiko, dass Kinder in Armut aufwachsen.

Der Bochumer Ökonom und Berater der Bundesregierung, Martin Werding, hat die Bertelsmann-Studie analysiert und spricht von einem "grundlegenden Systemfehler in der Konstruktion der Rentenversicherung". Denn bei der Rente gilt das Umlageverfahren: Was an Beiträgen reinkommt, fließt direkt an die Rentner und wird nicht etwa angespart, wie es in einer privaten Versicherung der Fall wäre. Das funktioniert aber nur, solange es genügend Nachwuchs gibt, der in die Rentenkasse einzahlt. Heutzutage werden allerdings nur noch halb so viele Kinder geboren wie noch Anfang der 60er Jahre. Damit dürfte die aktuelle Rücklage von rund 31 Millionen Euro schon in wenigen Jahren aufgebraucht sein.

Folgt man der Argumentation der Studie, ändert auch die von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) geplante Rentenreform nur wenig an der Benachteiligung der Familien, denn das bestehende System bleibt unberührt. Das Rentenpaket sieht verbesserte Mütterrenten, die abschlagfreie Rente ab 63 nach 45 Beitragsjahren, aufgestockte Renten für Erwerbsgeminderte und mehr Geld für Reha-Leistungen vor. Bei der Mütterrente sollen Frauen, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, zwei Erziehungsjahre statt bisher eines rentensteigernd angerechnet werden.

Laut Werding entsprechen die Erziehungszeiten, die den Müttern bei der Rente angerechnet werden, aber lediglich einem Wert von 8.300 Euro. Ein verhältnismäßig geringer Betrag im Vergleich zu den 77.000 Euro Gewinn, die jedes Kind im Durchschnitt in die Rentenkassen einzahlen wird. Auch die geplante Aufstockung gleiche diese Lücke nicht annähernd aus.

In der Studie plädiert Werding für eine Radikalreform des Rentensystems und wirbt für zwei Alternativen. Im ersten Modell müssten Eltern, die Kinder großziehen, bei den Beiträgen entlastet werden. Hierbei könnten Kinderfreibeträge ins gesetzliche Rentensystem eingeführt werden, wie es sie im Steuersystem bereits gibt. In der aktiven Phase der Kindererziehung würden Eltern demnach weniger einzahlen - ohne dass ihr Rentenanspruch geschmälert würde. Diese Lücke müsste der Staat mit Steuergeldern füllen.

Ein zweites Reformmodell sieht neben einer Basisrente eine so genannte "Kinderrente" vor, die sich an der Anzahl der Kinder bemisst. Hinzu käme eine Pflicht zu ergänzender Vorsorge, von der Eltern (je nach Anzahl der Kinder) ganz oder teilweise befreit würden. Das würde allerdings einen umfassenden Umbau des Rentensystems mit sich bringen.

Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung kommentiert die zu erwartenden Entwicklungen wie folgt: "Spätestens mit dem Ende des demographischen Zwischenhochs 2030 gerät unser heutiges Rentensystem massiv unter Druck. Die Politik muss jetzt handeln und unser System nicht nur familiengerecht, sondern auch langfristig demographiefest machen."


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