Big Data: Auf dem Weg in die "Diktatur der Daten"

Von Benjamin Seebach

Verbrechen verhindern, bevor sie begangen werden. Was nach bester Hollywood-Fiktion à la 'Minority Report' klingt, ist längst Realität. Big Data lautet die Zauberformel, die unser Leben revolutioniert. Tagtäglich produzieren wir Unmengen an Daten, hinterlassen digitale Spuren, ohne uns darüber bewusst zu sein. Zum Smartphone, das dank GPS-Tracking und Apps wie 'Runtastic' über jeden unserer Schritte informiert, gesellt sich bald die Google-Brille – mit der jedermann zur lebendigen Überwachungskamera mutiert. Willkommen im Zeitalter von Big Data.

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"Datenschutzkonformes Big Data ist möglich", sagt der Landesdatenschutzbeauftragte für Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, doch dafür müsse die Gesetzeslage der Internetrealität angepasst werden. © picture alliance / dpa, Carsten Rehder

In der US-Stadt Memphis (Bundesstaat Tennessee) bekämpfen Gesetzeshüter bereits jetzt mithilfe von Bits und Bytes das Verbrechen. Seit dort die neue Analysesoftware 'Blue Crush' zum Einsatz kommt, verzeichne man laut IBM, dem Hersteller der Software, einen Rückgang der Kriminalität um 30 Prozent. 'Blue Crush' kombiniert Daten früherer Straftaten mit Echtzeit-Informationen aus öffentlicher Hand, wie Wetterberichte, Großveranstaltungen, Zahltage. Daraus lassen sich mögliche 'Crime-Hotspots' ableiten, in denen die Polizei verstärkt Präsenz zeigt.

Experten gehen davon aus, dass bis 2016 mehr als ein Zettabyte-Daten – das entspricht ungefähr 328 Milliarden DVDs – durch die globalen Datenautobahnen fließen wird. Ein gigantischer Daten-Goldschatz – und die Jagd auf ihn ist bereits in vollem Gange und "in jedem Datensatz schlummern Informationen", sagt Tobias Schäfer*. Der promovierte Physiker arbeitet als 'Data Scientist' für einen deutschen Softwareanbieter. Schäfer und seine Kollegen verfügen über das nötige Know-how, um aus Big Data Kapital zu machen. "Wir nutzen die Daten unserer Kunden, um statistische Modelle zu erstellen, die es ermöglichen, Prognosen über zukünftige Geschäftsaspekte zu machen."

Der Auftraggeber zahlt letztlich für eine Entscheidungshilfe, die auf Basis der vorhandenen Daten errechnet wird. Laut Schäfer gibt es schon extrem viele Anwendungsgebiete für Big Data. "Beispielsweise nutzen Supermarktketten automatische Dispositionssysteme, um mittels Absatzprognosen eine möglichst optimale Verfügbarkeit der Waren bei niedrigen Lagerkosten zu gewährleisten."

In Sachen Lageroptimierung macht Amazon keiner etwas vor. Doch nicht nur auf diesem Gebiet hat der Online-Versandriese die Pionierrolle inne. Amazons zweites Steckenpferd ist das sogenannte 'Profiling'. Dabei werden alle Informationen, die über einen Kunden verfügbar sind, kombiniert, um daraus personifizierte Kaufvorschläge zu generieren.

Die benötigten Daten liefern wir Amazon via soziale Netzwerke frei Haus. "Alles, was an Nutzungsdaten im Internet anfällt, kann von den großen Playern personenbezogen ausgewertet werden", sagt Thilo Weichert, der Landesdatenschutzbeauftragte für Schleswig-Holstein. Die Erstellung von Echtzeitprofilen, die eine hohe Aussagekraft über die jeweiligen Menschen haben – natürlich just in time – sei doch längst kein Geheimnis mehr. Am Ende laufe doch alles auf Werbung hinaus und das "ist schließlich das grundlegende Geschäftsmodell von Google, Facebook und Co", so der Datenschützer.

"Dieses Bedrohungsszenario ist real"

Weichert hat keine Angst vor großen Daten. Aber man müsse lernen, mit dieser technischen Entwicklung umzugehen und die notwendigen Vorkehrungen treffen. Im Prinzip habe man alle wesentlichen Grundlagen, um dem Problem Herr zu werden – allein die Umsetzung sei ungenügend. Denn die Datenschutzaufsichtsbehörden, die unter anderem den großen Portalbetreibern (Google, Microsoft, Facebook und Amazon) auf die Finger schauen sollen, "kämpfen mit massiver Ressourcenknappheit, sowohl auf personeller wie auf technischer Ebene".

Datenschutzkonformes Big Data sei dennoch möglich, betont Weichert, doch dafür müsse die Gesetzeslage unbedingt der Internetrealität angepasst werden. Die geplante europäische Datenschutzgrundverordnung wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sie muss "schnellstmöglich durch das Europaparlament und den Europarat geschleust werden", fordert Weichert. Erst dann gelte für die großen Player innerhalb Europas das Marktortprinzip, wodurch auch Sanktionen möglich wären.

Dass Google jetzt bekannt gab, einen Thermostat- und Feuermelder-Hersteller zu übernehmen, stützt die Thesen von Viktor Mayer-Schönberger. "Im Big-Data-Zeitalter werden alle Daten als wertvoll betrachtet“, schreibt der Oxford-Professor in seinem Buch 'Big Data – Die Revolution, die unser Leben verändern wird'. Umgerechnet 2,34 Milliarden Euro ist dem Internetkonzern der Schlüssel zu unseren vier Wänden wert.

Schwindende Kosten für Datenspeicherung befeuern das Daten-Hamstern zusätzlich – und je mehr, desto besser. "Die Halter von großen Datenmengen werden florieren, indem sie immer mehr dieses Rohstoffes sammeln und speichern, um dann durch die wiederholte Verwendung dieser Daten zusätzlichen Wert zu schöpfen", so Mayer-Schönberger.

Nicht allen großen Daten-Haltern geht es dabei um Wertschöpfung, das wissen wir spätestens seit den Veröffentlichungen von Whistleblower Edward Snowden. Der US-Nachrichtendienst NSA und sein britisches Pendant GHCQ saugen bis heute grenzübergreifend im großen Stil Kommunikations- und Transaktionsdaten ab. Weichert warnt: "Mit dem Zugriff und der Nutzung solcher Daten durch staatliche Instanzen – auch zum Nachteil der Betroffenen, potenziert sich die Gefahr noch."

Mayer-Schönberger malt im Hinblick auf diese Entwicklung ein düsteres Szenario vom 'gläsernen Menschen'. Denn "schenken wir den Zahlen erst blindes Vertrauen", ist der Weg in die "Diktatur der Daten" nicht mehr weit.

"Dieses Bedrohungsszenario ist real", sagt Datenschützer Weichert. Die Auseinandersetzung mit der Thematik habe erst begonnen und müsse fortgesetzt werden. "Ich sehe keine Veranlassung diese Diskussion, so wie es Herr Pofalla getan hat, für beendet zu erklären."

*Name von der Redaktion geändert



Benjamin Seebach beleuchtet in der Nachrichtenredaktion von RTL interactive gerne die Hintergründe, um größere Zusammenhänge aufzuzeigen. Nach ersten Gehversuchen im Lokalfunk studierte er Journalismus an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln. Als Dozent bildet er inzwischen auch selbst journalistischen Nachwuchs aus. In seiner Freizeit schindet der NBA-Fan seinen Körper beim Freeletics oder beim Fußballgucken auf der Couch.