Bilanz: ein Jahr Bundespräsident Christian Wulff

Der jüngste Bundespräsident der deutschen Geschichte. Bundespräsident Christian Wulff ist ein Jahr im Amt. Noch sucht er nach seiner Position.

Sein Thema ist die Integration

Bundespräsident Christian Wulff ist seit einem Jahr im Amt. Was hat er bewegt, wofür steht der jüngste Präsident, den unsere Republik je hatte? Er trat das Erbe seines Vorgängers Horst Köhler an, der gar kein Präsident sein wollte. Am Anfang nicht, und am Ende erst recht nicht. Eigentlich keine schlechten Voraussetzungen, es besser zu machen. Doch immer noch sucht der ruhige Mann aus Osnabrück nach seinem eigenen Stil. Er ist kein Lautschläger, das war vorher allen klar. Das war Köhler auch nicht. Doch wenn man allzu schweigsam ist, wird man in der Öffentlichkeit kaum mehr wahrgenommen. Schlecht für einen Präsidenten.

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Doch besonders in den ersten Wochen seiner Amtszeit war kaum etwas zu hören vom neuen Mann im Schloss Bellevue. Und wenn, dann war es negativ. Zuerst verbrachte er einen schon länger geplanten Urlaub in der Villa des umstrittenen Unternehmers Carsten Maschmeyer auf Mallorca - auf dessen Kosten. Dann kam das missratene Krisenmanagement bei der Abberufung des Ex-Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin (SPD), wo er eindeutig Partei annahm. "Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet", sagte er. Auch im Zuge der Loveparade-Katastrophe bewegte sich Wulff auf dünnem Eis, fand nicht die richtigen Worte. Er legte dem Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland nach dem Drama mit 21 Toten im Juli 2010 indirekt den Rücktritt nahe. Wer beim Loveparade-Unglück in Duisburg Fehler gemacht habe, "sollte dafür auch die Verantwortung übernehmen".

Er wird ein Mann der leisen Töne bleiben

Wulff spielte sich bei den Themen Sarrazin und Loveparade als eine Art Oberschiedsrichter auf, der die Akteure zu bestimmten Handlungen trieb. Doch damit eckte der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident an. Ein Präsident muss über den Dingen stehen. Und je näher der 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 kam, umso heftiger wurde ein Zeichen des neuen Mannes gefordert. Denn mittlerweile gab es mehr Schlagzeilen über seine Gattin, die in den Frauen-Zeitschriften dieses Landes ausführlich porträtiert wurde und jede Menge Interviews gab, als schicke Headlines über den ersten Mann im Staat. Und das Zeichen kam dann auch: "Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", sagte Wulff. Das war die Kernaussage seiner Rede, die ihm den Weg zu einem großen Thema bahnte: Wulff will der Präsident der Integration sein.

Es schien, er habe seine Berufung, sein Arbeitsfeld, endlich gefunden. Bei einer Reise in die Türkei, wo er als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor der türkischen Nationalversammlung sprach, erneuerte er die Worte, die er am 3. Oktober gesprochen hatte: "Ich ermutige alle in meiner Heimat, sich verantwortungsvoll einzubringen. Als ihr aller Präsident fordere ich, dass jeder Zugewanderte sich mit gutem Willen aktiv in unsere deutsche Gesellschaft einfügt." Der Auftritt in der Türkei brachte ihm viel Lob ein, auch aus der Opposition. "Er hat beim Thema Integration offene und ermutigende Worte gefunden", sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.

Wulff hat akzeptiert, dass die Parteiergreifungen ihm geschadet haben und er hat daraus gelernt. Er möchte nicht länger "wie ein Schiedsrichter" über das Feld rennen und immer wieder Gelbe und Rote Karten zücken, sagte er. Besonders im Ausland weiß der Jurist zu überzeugen, das ist sein Terrain. 60 Prozent seiner Zeit verwende er auf außenpolitische Themen, meinte er. Seine offene Art ist ihm bei Auslandsreisen sehr hilfreich. Und so steigerte er auch seinen Wert auf der Beliebtheitsskala der Deutschen.

Nach einem Jahr Präsidentschaft ist klar geworden: Er bleibt ein Mann der leisen Töne. Bei der letzten Berliner Rede, einer Institution, die beispielsweise Roman Herzog mit seiner berühmten 'Ruck-Rede' für öffentlichkeitswirksam Worte nutzte, sprach er gar nicht, sondern überließ seinem Gast aus Polen, Präsident Bronislaw Komorowski, das Podium. Bei heiklen politischen Themen ist Wulff doch sehr vorsichtig geworden. Das kann man ihm als Schwäche auslegen. Andererseits muss man dem besonnenen 52-Jährigen aber auch zugute halten, dass er sich manchmal zurücknimmt, dass er eben noch ein Suchender ist. Es bleibt ihm noch genügend Zeit, seiner Präsidentschaft den Stempel aufzudrücken. Nur: Allzu lange sollte er nicht mehr warten damit.

Bildquelle: dpa bildfunk