Billig-Brustimplantate: Schmerzensgeld für PIP-Silkon-Opfer?

Erster Prozess nach Skandal um Billig-Brustimplantate

Nachdem Iris Herold drei Kinder auf die Welt gebracht hatte, war sie mit dem Aussehen ihrer Brüste nicht mehr zufrieden. "Da war nicht mehr viel übrig", sagt die 40-Jährige. Als außerdem eine Zyste gefunden wurde und ohnehin eine Operation anstand, ging sie zu einem renommierten Facharzt für Plastische Chirurgie in Karlsruhe.

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"Die halten ein Leben lang", hatte der Arzt versprochen. Doch in den Brustimplantaten, die er Iris Herold einsetzte, war mangelhaftes Billig-Silikon. © dpa, Uli Deck

Der Arzt empfahl ihr Implantate aus Silikon. "Er sagte: Die halten ein Leben lang", erinnert sich Herold. "Wir haben extra gefragt, ob es noch andere, bessere Implantate gebe. Aber der Arzt sagte, es seien die besten und teuersten Implantate, die auf dem Markt sind. Und das stimmte definitiv nicht." Am 23. April 2007 setzte der Chirurg Iris Herold zwei Implantate des französischen Herstellers 'Poly Implant Prothèse' ein, abgekürzt PIP. Die gelernte Sekretärin zahlte dafür 5.800 Euro. Was sie nicht wusste: Die Kissen waren mit billigem Industriesilikon gefüllt.

Mittlerweile hat Iris Herold zwei große Ordner angelegt, auf dem einen steht 'PIP', auf dem anderen 'Klage'. Sie verlangt Schmerzensgeld und Schadensersatz. Heute wird der Fall vor dem Landgericht Karlsruhe verhandelt. Nach Angaben der Anwälte ist es in Deutschland der erste Prozess über die Folgen des Silikon-Skandals. Jahrelang hatte PIP Brustimplantate verkauft, die mit ungeeignetem Billig-Silikon gefüllt waren - 2010 wurde der Skandal bekannt.

"Lasst es bleiben!"

Die Firma ist inzwischen pleite, ihr Gründer saß zeitweise im Gefängnis. Er hatte zugegeben, absichtlich das billige Material verwendet zu haben. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geht davon aus, dass mehr als 5.000 Frauen in Deutschland Implantate von PIP und anderen unseriösen Firmen erhalten haben. Das Institut empfiehlt, solche Implantate zu entfernen, Risiken seien nicht auszuschließen. Bis Mitte 2012 wurden rund 1.000 Implantate wieder entfernt. Bei mehr als einem Viertel der gemeldeten Fälle war ein Kissen gerissen, bei jedem fünften Silikon ausgetreten.

Etwa drei Jahre nach der Operation fühlte Iris Herold sich ständig müde. Zunächst schob sie es auf die Kinder, den Umzug ins Reihenhaus in eine Kleinstadt auf halbem Weg zwischen Karlsruhe und Heidelberg. Dann hatte sie ein Taubheitsgefühl in Gesicht und Arm. Schließlich, so erzählt sie, kamen auch Schmerzen in der rechten Brust. Eher zufällig erfährt sie vom Skandal um die Firma PIP. Doch in der Schönheitsklinik beruhigt man sie: Man gehe derzeit nicht davon aus, dass von dem Silikongel gesundheitliche Schäden ausgehen könnten, heißt es in einem Schreiben vom April 2010.

Erst Anfang dieses Jahres habe sie erfahren, dass die Implantate in ihren Brüsten gefährlich sind, sagt Iris Herold. Aus den Medien, nicht von der Klinik. Sie suchte sich einen Anwalt. Da PIP insolvent ist, richtet sich die Klage gegen andere: Den Chirurgen, dem die Anwälte vorwerfen, er habe nicht ausreichend über Risiken aufgeklärt; den TÜV Rheinland, weil er die Schrottimplantate zertifiziert hatte; den Silikon-Lieferanten, der nicht überprüft habe, wozu PIP das Produkt verwendet; dazu die Versicherung von PIP und schließlich die Bundesrepublik Deutschland wegen Amtspflichtverletzung. "Mindestens einer der fünf Beklagten muss haften", sagt Anwalt Michael Graf. "Es kann nicht sein, dass der Verbraucher in so einer Situation völlig alleingelassen wird."

Der Anwalt des Arztes, Andreas Wende, hält dagegen: "Wenn ein Arzt zugelassene Medizinprodukte verwendet, darf er sich darauf verlassen, dass diese Produkte fehlerfrei sind. Er hätte gar nicht die Möglichkeit gehabt, selbst zu überprüfen, ob sich möglicherweise minderwertiges Silikon in den Implantaten befindet." Es dürfte ein hartes juristisches Ringen werden - und ein Präzedenzfall, denn allein Grafs Kanzlei vertritt nach eigenen Angaben rund 250 PIP-Geschädigte.

Im Fall Herold verlangen die Anwälte nun Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 bis 30.000 Euro - außerdem die Feststellung, dass die Beklagten für alle künftigen Gesundheitsschäden aufkommen müssen. Iris Herold will vor allem die Implantate loswerden. Die Ärzte empfehlen, dann wieder neue einzusetzen, aus psychischen Gründen. Nur rausnehmen, das sähe nicht gut aus. Ein Austausch würde 6.000 Euro kosten, doch das zahlt die Krankenkasse nicht. "Mir fehlen das Geld und die Kraft", sagt Iris Herold. "Allen Frauen, die über Implantate nachdenken, würde ich raten: Lasst es bleiben!"


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