Bioenergie ist ökologischer Unfug: Besser Kraft aus Sonne, Wind und Wasser

Bioenergie Ökologischer Unsinn
Ein Auto fährt nahe der Burg Ludwigstein (Werra-Meißner-Kreis) durch blühende Rapsfelder. © dpa, A3295 Uwe Zucchi

Kommt jetzt die Bio-Energiewende?

Deutschland ist weltweit ein Vorreiter in Sachen umweltfreundlicher Energie. Wir wollen weg von Atom, Öl, Kohle und Gas und setzen auf Sonne, Wind, Wasser - und Bioenergie. Doch die ist nicht so ‚bio‘, wie wir glauben. Eine aktuelle Studie belegt: Bioenergie leistet keinen wichtigen Beitrag zur Energiewende, ist nicht klimaneutral und verbraucht Landflächen, die wir für unsere Nahrung brauchen.

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Zu diesem Ergebnis kommen die Wissenschaftler der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, einer der angesehensten Institutionen des Landes. Die 20 Forscher aus verschiedenen Disziplinen (Biologen, Physiker, Chemiker und Ökologen) prüften die Möglichkeiten und Grenzen des Anbaus von Energiepflanzen und der Gewinnung von Bioenergie. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) preiste die Wissenschaftler noch vor kurzem für Ihre Unabhängigkeit und anspruchsvollen Zukunftsthemen.

Die neuen Ergebnisse werden der Ministerin aber wohl nicht gefallen. Möchte die Bundesregierung doch den Anteil der Biomasse an der deutschen Energieversorgung bis 2050 von derzeit 8 auf 23 Prozent steigern. Und die EU plant bis 2020 zehn Prozent aller Treibstoffe auf Biomasse umzustellen. Nach und nach soll allen Spritsorten Biodiesel oder Bioethanol beigemischt werden. Die Einführung der umstrittenen Benzinsorte E-10 letztes Jahr war Teil dieses Konzepts.

Forscher: Energie sparen und effizienter einsetzen

Die Wissenschaftler der Leopoldina sind gegen die Produktion von Biodiesel aus Raps, Sonnenblumen und Soja im großen Stil. Lediglich bei Flugzeugen, Lastschiffen und LKW, die wahrscheinlich auch in Zukunft nicht elektrisch betrieben werden können, mache Biotreibstoff Sinn. Gleiches gilt für Biogas aus Stärke, Zucker und Zellulose, die angebaut oder importiert werden müssen. Kleine Biogasanlagen, die landwirtschaftlichen und häuslichen Abfall verwerten können seien sinnvoll, solange sie sauber verbrennen.

Deutschland solle sich vielmehr auf Sonne, Wind und Wasser als erneuerbare Energieressourcen konzentrieren. Sie verbrauchen weniger Fläche, emittieren weniger klimaschädliche Treibhausgase und belasten die Umwelt weitaus geringer. Ein großes Potential sehen die Forscher außerdem in der Einsparung von Energie sowie der Verbesserung der Energieeffizienz, die man weiter vorantreiben müsse.

Der ideale Energieträger der Zukunft, der erneuerbar, umweltfreundlich und nahezu unbegrenzt verfügbar wäre, ist, nach Meinung der Akademie, der Wasserstoff, der zum Beispiel in Brennstoffzellen eingesetzt werden kann. Die umweltschonende Produktion von Wasserstoff und die Forschung in diesem Bereich machen große Fortschritte. Mit Hilfe von Mikroorganismen oder chemischen Katalysatoren lässt sich heute schon Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff trennen (photolytische Spaltung). Die Verfahren seien zwar technisch noch nicht einsatzfähig, hätten aber ein Riesenpotential.

Die Äcker für Kartoffeln nutzen und nicht für Biosprit

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Deutschland produziert nach Angaben der Zentralen Marketing-Gesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft jährlich etwa 1,8 Millionen Tonnen Rapsöl. © dpa, A3632 Jens Wolf

Das Hauptargument für Förderung der Bioenergie, ist die Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes. Wenn Öl und Gas durch Biokraftstoff und Biogas ersetzt würden, werde der Klimawandel gemildert, so die Hoffnung.

Bioenergie wird als CO 2 neutral eingestuft, weil bei der Verbrennung nur so viel CO 2 freigesetzt wird, wie vorher in der Pflanze gespeichert war. Das stimmt aber nur theoretisch. Wälder beispielsweise haben den Kohlenstoff im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten aufgenommen. Wenn mehr Holz geerntet und verbrannt wird als nachwächst, wie das momentan stattfindet, stimmt die Rechnung nicht mehr.

Pflanzen enthalten aber nicht nur Kohlenstoff, sondern auch Stickstoff, Phosphor, Schwefel, Metalle und Wasser. Wenn die Pflanzen dem Ökosystem regelmäßig entzogen werden, müssen diese Stoffe in Form von Dünger nachgeliefert werden. Bei der Produktion von Dünger, wie auch beim Ausbringen auf die Felder, werden erhebliche Mengen an Treibhausgasen freigesetzt. Deshalb müssen bei der Bewertung alle Emissionen (Kohlendioxid, Stickoxid und Methan) erfasst werden, mahnen die Wissenschaftler. Die intensive Landwirtschaft, die den Biokraftstoff erzeugen soll, schädigt also ihrerseits Luft, Boden und Wasser.

Außerdem gibt es ein Mengenproblem. Im Jahr 2010 wurden sieben Prozent des Energiebedarfs in Deutschland mit Bioenergie gedeckt. Nur zu drei Prozent stammte die Energie aus heimischer Biomasse. Der Rest musste importiert werden. Selbst wenn wir die ganze Biomasse aller Stängel, Blätter, Wurzeln, Knollen, Körner und Früchte die in Deutschland in einem Jahr wachsen, verheizen würden, ließe sich damit der Energiebedarf nur zur Hälfte decken, sagen die Forscher.

Import verlagert die Probleme ins Ausland

Den größten Teil der Importe brauchen wir für unsere Massentierhaltungen. Würden wir weniger heimische Biomasse zu Energie verarbeiten, wären weniger Importe nötig. Der Biomasse-Import verlagert also nur die Probleme der intensiven Landwirtschaft ins Ausland, mit den bekannten Folgen, wie Abholzung von Regenwäldern oder Brandrodungen.

Auch in Europa bekommen wir zunehmend Probleme mit der Fruchtbarkeit unserer Ackerböden. Zurzeit verlieren Sie jedes Jahr große Mengen an Kohlenstoff. Von daher halten es die Forscher für dringend geboten, mehr pflanzliche Reste den Böden zurückzugeben.

Hinzu kommt das Flächenproblem. Allein die Produktion von Biodiesel aus Raps in Deutschland beansprucht fast 1 Million Hektar wertvolle Ackerböden. Abgesehen von den ökologischen Folgen dieser Monokulturen, stehen diese Flächen nicht mehr für die Nahrungsmittel-Produktion zur Verfügung. Wir müssen uns entscheiden – wollen wir Kartoffeln oder Biosprit vom Acker?

Die Empfehlungen der Wissenschaftler an die Politik sind eindeutig. Biomasse als Energiequelle ist der falsche Weg, für die Menschen und für das Klima. Einen konkreten Ratschlag den Klimawandel zu mildern haben die Forscher noch. Würden wir weniger Fleisch essen, bräuchten wir weniger Biomasse für Tierfutter und hätten weniger klimaschädliche Emissionen. „Dies könnte wahrscheinlich stärker zur Milderung des Klimawandels beitragen, als es die meisten Bioenergie-Produktionen leisten können.“

Text: Stefan Pallmer


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