Bodenfelde: Nach den Morden zum Therapeuten

Bürgermeister erhebt Vorwürfe

Jan O. brachte zwei Jugendliche um, jetzt fragt sich Deutschland: Was war er für ein Mensch? Gleichzeitig macht sich im kleinen Örtchen Bodenfelde zunehmend Wut und Unverständnis über die Arbeit der Behörden breit. Hätte man die Morde verhindern können? Der Bürgermeister erhebt schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft und will rechtliche Schritte prüfen. Die Staatsanwaltschaft habe versäumt, zehn Tage vor dem ersten Mord einen Sicherungshaftbefehl auszusprechen. Die Rechtfertigung der Staatsanwaltschaft: Es habe keine Hinweise auf eine Gewalttätigkeit gegeben.

Diese Aussage stützt auch der Drogentherapeut von Jan O.: Während der Zeit in der Therapie habe es keine Hinweise darauf geben, dass der junge Mann zu solchen Verbrechen fähig sein könnte. "Wir waren alle geschockt. Damit hat keiner gerechnet", betonte Eberhard Ruß, Leiter der Therapieeinrichtung 'Neues Land' in Bodenfelde. "Er war anfangs eher ängstlich, zurückhaltend und misstrauisch." Mit der Zeit habe Jan O. sich aber geöffnet. "Er hat sich positiv entwickelt." Doch mit Konflikten habe er nicht umgehen können. Deshalb sei es immer wieder zum Streit mit anderen Patienten gekommen. "Es gab aber nie gewalttätige Auseinandersetzungen."

Er habe große Schwierigkeiten, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. "Er litt unter einem mangelnden Selbstwertgefühl. Wenn er kritisiert wurde, ist er verbal entgleist", sagte Ruß. In der christlich geprägten Gemeinschaft hatte der alkohol- und drogensüchtige Jan O. bis Februar 2010 eine Entziehungskur gemacht. Ruß erzählte auch, dass Jan O. ihn nach den Morden - als diese noch nicht aufgedeckt waren - kontaktiert habe. Dabei ging es jedoch nicht um die Taten.

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Nach seiner einjährigen Therapie besuchte Jan O. nach Angaben von Rust weiter das Arbeitstraining. Bei einer Urinkontrolle habe sich dann aber herausgestellt, dass er rückfällig geworden war. Daraufhin musste der Mann die Einrichtung verlassen. Zu Ruß hatte er aber weiterhin Kontakt. "Er ist wieder langsam in die Sucht abgerutscht", sagte Ruß.

Kurz nach den Morden an Nina und Tobias - als diese allerdings noch nicht entdeckt waren - habe Jan O. ihn aufgesucht, um mit ihm über seine starken Alkoholprobleme zu sprechen. "Da war das Kind aber leider schon in den Brunnen gefallen, nur das wusste ich noch nicht. Von daher war ich umso geschockter", sagte Ruß. "Ich glaube, jeder der mit ihm zu hatte, spürt eine Verantwortung."

Die Bürger in Bodenfelde sind vor allem eins: Wütend. Bürgermeister Hartmut Koch erhob schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft. Diese habe versäumt, zehn Tage vor dem ersten Mord einen Sicherungshaftbefehl gegen den mutmaßlichen Täter Jan O. zu beantragen. Wenn die Behörden den 26- Jährigen damals festgesetzt hätten, wären die beiden 13 und 14 Jahre alten Schüler noch am Leben, kritisierte der Bürgermeister.

Der wegen einer Diebstahlserie verurteilte Jan O. hatte wiederholt gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen. Außerdem zündete er ein Feuer in einem Schuppen, das dann auf ein Mehrfamilienhaus übergriff. Für die Staatsanwaltschaft reichte das nicht als Haftgrund - obwohl die Polizei "bald auf Knien bittend" einen entsprechenden Antrag gestellt hatte, wie Koch dem 'NDR' sagte.

"Die grausamen Taten wären dann nicht passiert. Man kann Nina und Tobias nicht mehr zurückholen, aber das muss aufgearbeitet werden", sagte Koch. Die Staatsanwaltschaften in Stade und Lüneburg waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Es habe keine Hinweise gegeben, dass Jan O. gewalttätig werden können, rechtfertigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lüneburg die Entscheidung. Die Behörden beschlossen aber, den 26-Jährigen in einer Entziehungsklinik unterzubringen. Seine Einweisung stand kurz bevor.


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