Braunau: Gab es einen zweiten Täter?

Dieses Haus in St.Peter war der Tatort.
In diesem Haus sollen zwei Frauen über 40 Jahre lang misshandelt worden sein. © REUTERS, HERWIG PRAMMER

Tat schon verjährt

Noch mehrere Tage nach Bekanntwerden des Inzest-Falles in Österreich herrscht Entsetzen über die Verbrechen. Das Rätsel, weshalb niemandem der Missbrauch aufgefallen war, ist nach wie vor ungelöst. Inzwischen wurde bekannt, dass es vermutlich einen zweiten Täter gebe.

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Sie brauchten Monate, um über das Erlebte sprechen zu können. Erst als der 80-jährige Vater Gottfried W. das Haus nicht mehr betreten durfte und sie sich in Sicherheit fühlten, brachen die zwei Schwestern aus St. Peter bei Braunau ihr jahrzehntelanges Schweigen. Die 45 und 53 Jahre alten Frauen berichteten Betreuern und der Polizei von regelmäßigen Vergewaltigungen, Drohungen und Schlägen. Seit Freitag sitzt der mutmaßliche Täter in Untersuchungshaft.

Laut Staatsanwalt Alois Ebner soll es noch einen weiteren Täter geben. Eine der Töchter habe ausgesagt, dass auch ein Bekannter von Gottfried W. sie vergewaltigt haben. Doch diese Tat wäre jetzt verjährt, der mutmaßliche zweite Täter muss somit nicht mit juristischen Konsequenzen rechnen.

Warum wurde nichts bemerkt?

Die "Oberösterreichischen Nachrichten" kritisieren indes die "offenbare Passivität der Bezirkspolizei". Laut der Zeitung gab es bislang nur “Einvernahmeprotokolle von den Opfern und Aussagen des mutmaßlichen Täters, der alle Anschuldigungen bestreitet.“ Bereits im Mai hatte sich die ältere Tochter gegen einen erneuten sexuellen Übergriff gewehrt und den 80-Jährigen von sich gestoßen. Dieser bleib rund 20 Stunden nackt und hilflos am Boden liegen, bis er von einer Sozialarbeiterin gefunden wurde.

Erst nachdem sich die Presse für den Fall interessiert habe, sei Gottfried W. am Donnerstag festgenommen worden. Der Abschlussbericht der Polizei sei erst an diesem Tag bei der Staatsanwaltschaft Ried eingelangt, sagt Behördensprecher Alois Ebner. Von der Polizei in Braunau heißt es wiederum, einen Ermittlungsauftrag der Staatsanwaltschaft habe es schon Ende Juli gegeben.

Die Schwestern hatten als Kinder eine normale Volksschule und dann eine Sonderschule besucht, aber danach keine Ausbildung gemacht. Allmählich waren sie offenbar im Ort von der Bildfläche verschwunden. “Es ist schwer zu definieren, inwieweit sie abgeschottet wurden oder im Ort isoliert“, meint Sicherheitsdirektor Alois Lißl. “Sie wurden sicher von der Gesellschaft eher ignoriert.“ Man habe angenommen, dass sich die Familie für die zurückgebliebenen Kinder schäme, gaben Nachbarn gegenüber österreichischen Medien an.

“Es gibt mehr Familien, die eher wenig Sozialkontakte pflegen“, erklärte Psychiaterin Adelheid Kastner im österreichischen Rundfunk ORF. “Und es wäre vermessen zu sagen, jeder, der sich nicht ausgedehnt sozial vernetzt, verbirgt etwas.“ Wenn die Betroffenen selbst keine Hinweise gäben, sei auch ein solcher Extremfall von außen nicht erkennbar.


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