Bundesweit erste "Rollende Arztpraxis" gestartet

"Mobile Versorgung muss ein Thema werden"

Schon länger diskutiert die Politik darüber, wie dem Ärztemangel auf dem Land bei einer immer älter werdenden Bevölkerung begegnet werden sollte. Ein neues und einmaliges Projekt aus Niedersachsen könnte Schule machen. Das Konzept: ein mobiler Arzt für mehrere Dörfer.

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Rollende Arztpraxis Niedersachsen Ärztemangel Dörfer Landkreis Wolfenbüttel
Der Mediziner Jürgen Bohlemann posiert in der bundesweit ersten Arztpraxis auf Rädern. © dpa, Sebastian Kahnert

In sechs kleinen Orten im Landkreis Wolfenbüttel wird jetzt mit der "Rollenden Arztpraxis" eine neue Form der medizinischen Versorgung auf dem Land getestet. Die Patienten müssen nicht mehr in die nächstgrößere Stadt fahren, sondern der Mediziner kommt in einem als Praxis ausgestattetem Transporter zu ihnen.

Das vom Land geförderte, von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen und vielen anderen Partnern unterstützte Projekt ist nach Angaben der Organisatoren deutschlandweit einzigartig. Zunächst sollen bis Ende 2014 Erfahrungen mit der rollenden Versorgung gesammelt werden, hieß es bei der Vorstellung in Winnigstedt. "Wir wollen sehen, ob es angenommen wird und ob es auch für andere Regionen ein Modell sein kann", sagte Jörg Röhmann (SPD), Staatssekretär im Gesundheitsministerium.

Die Versorgungseinheit auf vier Rädern versteht sich nicht als Konkurrenz, sondern als ergänzendes Angebot zu den niedergelassenen Hausärzten. Vor allem den älteren Patienten mit einer chronischen Erkrankung sollen beschwerliche Wege erspart bleiben. Die Landärzte selbst sollen durch die rollenden Kollegen entlastet werden, so sollen in Absprache auch Hausbesuche übernommen werden. "Mobile Versorgung muss ein Thema werden, erst recht in einem Flächenland wie Niedersachsen", sagte Mark Barjenbruch, Vorstandsvorsitzender der KVN. Noch gebe es auf ganz Niedersachsen bezogen zwar keine Unterversorgung, jedoch sei die Ärztedichte sehr unterschiedlich.

Kampf gegen Ärztemangel auf dem Land droht zu scheitern

Im Juli war bekannt geworden, dass der Kampf gegen den Ärztemangel vor allem auf dem Land trotz aller Bemühungen offizieller Stellen zu scheitern droht. Davor warnte der Chef des für die Ärzteplanung maßgeblichen Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) von Ärzten, Kassen und Kliniken, Josef Hecken. Vor allem viele Hausärzte könnten bald fehlen. Bereits heute kümmern sich weniger Mediziner um die Basisversorgung als gedacht, wie der Hausärzteverband mitteilte.

Hecken warnte vor Einbrüchen bei der Infrastruktur in Landregionen mit überalterter Bevölkerung. Der öffentliche Verkehr werde dort oft schon ausgedünnt, medizinische Versorgung sei vielfach bedroht. "Ohne zügige Anpassungen bleibt eine immer größer werdende Anzahl oft auch mehrfach erkrankter Patienten ohne angemessene Versorgung zurück", sagte er.

Eigentlich sollte eine Anfang des Jahres in Kraft getretene Neuplanung des Ärztenetzes in Deutschland Abhilfe schaffen. Der G-BA hatte 3.000 garantierte Möglichkeiten zur Praxiseröffnung für Hausärzte beschlossen. Doch die Umsetzung stockt nach den Worten Heckens. Verantwortlich dafür seien die Krankenkassen und die Kassenärztlichen Vereinigungen in den einzelnen Ländern.

"Wir müssen angehenden Medizinern jetzt eine Perspektive durch Zugangsmöglichkeiten eröffnen", forderte Hecken. Darüber müsse bald Klarheit bestehen. "Wenn das nicht geschieht, droht das Ziel, die ländliche Versorgung abzusichern, in unerreichbare Ferne zu rücken."

Das Landärzte-Gesetz von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sieht vor, dass Ärzte anders als früher nicht mehr direkt an ihrem Einsatzort wohnen müssen und es auch finanzielle Anreize gibt. Dies begrüßt der Deutsche Hausärzteverband. Doch dies bewirke nicht automatisch, dass genügend Ärzte geplante Stellen auch besetzen. In den nächsten Jahren gehen wohl über 40.000 Ärzte in den Ruhestand. Seit Jahren warnen auch Regierungsberater immer wieder vor zu wenigen Allgemeinmedizinern.