Carsten S. sagt im NSU-Prozess aus: "Dönerbude war Feindbild"

05.06.2013 | 14:26
Der Unterstützer des NSU-Trios erinnert sich an seine braune Vergangenheit. Carsten S. ist einer der wichtigsten Zeugen der Bundesanwaltschaft im NSU-Prozess.

"Wir haben uns einen Spaß draus gemacht"

Es ist erschreckend aber nicht überraschend, was am sechsten Tag des NSU-Prozesses zu Tage kommt. Auch Carsten S. hat Leute verprügelt und Dönerbuden angegriffen. Vor dem Oberlandesgericht München hat der Angeklagte Details aus seiner rechtsextremen Vergangenheit preisgegeben. Seine Neonazi-Clique habe geprügelt, an mindestens zwei Dönerständen Scheiben eingeschlagen und eine Bude umgeworfen. Einmal habe die Gruppe auch zwei Männer zusammengeschlagen.

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Carsten S. ist einer der wichtigsten Zeugen der Bundesanwaltschaft. Die Anklage wirft S. Beihilfe zu neun Morden vor.

Er erinnere sich, "dass ich auch einmal zugetreten habe oder zweimal - ich weiß es nicht mehr". Hinterher habe er in der Zeitung gelesen, dass die Opfer schwer verletzt gewesen seien, sagte der 33-Jährige. Carsten S. aber belastet nicht nur sich selbst, sondern auch den Mitangeklagten Ralf Wohlleben schwer. So habe er vor deren Untertauchen kaum Kontakt zum Terror-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gehabt. Dann aber machte Wohlleben ihn zum Verbindungsmann, weil er selbst davon ausging, dass er überwacht würde.

Dass er nicht nur Kontaktmann war, sondern auch selbst aktiv wurde, zeigen die Angriffe auf die Dönerbuden. "Was war denn das Motiv?", wollte der Vorsitzende Manfred Götzl wissen. "Ich weiß nur, dass einer die Idee hatte - und da sind wir losgegangen." Dann ergänzte er: "Genaue Erinnerungen habe ich nicht. Ich gehe natürlich davon aus, dass es ein gewisses Feindbild auch war, diese Dönerbude." Nach weiterem Nachdenken: "Wir haben uns einen Spaß draus gemacht - und natürlich denen eins ausgewischt."

"Mit einer Bockwurstbude hätten wir das nicht gemacht"

Auf weitere Fragen Götzls sagte der Angeklagte: "Wenn da eine Bockwurstbude gestanden hätte, hätten wir das nicht gemacht." Es habe auch mit "Deutschtümelei" zu tun gehabt. Es sei gegen die multikulturelle Gesellschaft gegangen, und gegen das Finanzkapital. "Es war ein einfaches Weltbild, schwarz-weiß. Dass wir unsere Heimat einbüßen, dass wir regiert werden vom Finanzjudentum, in gewisser Weise habe ich daran auch geglaubt."

Entscheidend sei für ihn gewesen, dass es ihm in der rechten Gruppe besser ging als zuvor. "Da hatte ich Respekt, da ging's mir gut. Ich habe mich stark gefühlt." Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hätten damals nicht zu seiner Gruppe gehört. "Das waren halt drei von den Älteren." Dennoch besorgte er ihnen eine Waffe, wie er am Vortag gestand. Dabei handelt es sich nach Überzeugung der Ermittler um die Waffe der Marke 'Ceska', mit der neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft ermordet wurden.

Carsten S. hat ausgesagt, der frühere NPD-Funktionär Wohlleben sei an der Beschaffung der Waffe maßgeblich beteiligt gewesen und habe das Geld dafür gegeben. Nach Darstellung des 33-Jährigen war es auch Wohlleben, der letztlich die Entscheidungen traf. Wohlleben ist ebenfalls wegen Beihilfe zu neun Morden angeklagt. Neben Zschäpe, Carsten S. und Wohlleben sitzen die mutmaßlichen NSU-Unterstützer Holger G. und André E. auf der Anklagebank.

Zu Beginn der Verhandlung am Mittwoch hatten sich Gericht, Verteidigung, Anklage und Nebenklage erneut einen Schlagabtausch wegen möglicher behördlicher Prozessbeobachter geliefert. Nebenklagevertreter und Verteidigung verlangten erneut, die Anwesenheit solcher Beobachter in den Zuschauerreihen zu klären. Sie könnten spätere Zeugen gezielt beeinflussen. Der Senat lehnte das jedoch ab. Auch solche Beobachter seien Teil der allgemeinen Öffentlichkeit. Damit hätten sie das Recht auf Anwesenheit im Sitzungssaal. Dass sie auf Zeugen einwirken könnten, seien reine "Spekulationen und Vermutungen", sagte der Vorsitzende Götzl.

Bildquelle: dpa bildfunk