Chemische Drogen getarnt als Kräutermischungen

05.08.2011 | 17:13
Als Kräutermischungen oder Badesalze getarnt werden in Deutschland chemische Drogen verkauft. Die Kräutermischungen werden in kleinen bunten Tütchen angeboten, genau wie die 2009 verbotene Ersatzdroge 'Spice'.

"Täglich fragen Kunden danach"

Knallig bunte Tütchen mit Aufdrucken wie 'Rock Star’, 'Welcome Vegas’ oder 'Jamaican Spirit’ treiben zurzeit Drogenkonsumenten und Polizei gleichermaßen den Schweiß auf die Stirn. Denn keiner weiß genau was drin steckt. Die Rede ist von chemischen Ersatzdrogen, die als Kräutermischungen oder Badesalze getarnt, legal in Deutschland verkauft und konsumiert werden.

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Ein Rausch, der schnell im Krankenhaus endet, weil die künstlichen Substanzen extrem gefährliche Nebenwirkungen mit sich bringen. Trotzdem boomt der Absatz und die Polizei schaut machtlos zu.

"Also zu uns kommen täglich Kunden, die danach fragen“, sagt Tim Michels zu 'RTL Aktuell Online’. Der 26-Jährige arbeitet als Verkäufer in einem Kölner Headshop. Kräutermischungen und Badesalze gehen bei ihm nicht mehr über die Ladentheke, versichert er auf Nachfrage: "Wir haben das genau so lange verkauft bis wir erfahren haben was drin ist, weil chemisches THC (Hauptwirkstoff der Hanfpflanze) super schädlich für den Konsumenten ist.“

Weil viele Headshops die Rauschmittel mittlerweile aus ihrem Sortiment genommen haben, verlagert sich die Szene ins Internet. Für 20 bis 30 Euro werden die Mischungen bequem nach Hause geliefert – völlig anonym. Dort wird es dann entweder in eine Zigarette gedreht und geraucht oder verräuchert und inhaliert. Zwar warnen die Hersteller im Netz und auf den Verpackungen ausdrücklich: "Nicht für den menschlichen Konsum geeignet!“, doch die Realität ist eine andere – und die nehmen sie billigend in Kauf.

Teuflische Nebewirkungen

Denn vor allem Jugendliche und Einsteiger probieren leichtfertig die neuen Modedrogen aus – in dem Glauben, es handle sich um harmlose Naturprodukte. Doch weit gefehlt: "Das sind psychoaktive Substanzen, die synthetisch hergestellt werden und in der Regel einen oder mehrere Wirkstoffe enthalten, die einen Rauschzustand hervorrufen“, sagt Frank Grobecker, Leiter des Drogendezernats Köln. Obwohl sich in der Szene bereits herumgesprochen hat, dass die Nebenwirkungen teuflisch sein können, ist die Versuchung meist größer als die Vernunft.

Auch Tim Michels hat von seinen Kunden schon einige sehr schlimme Geschichten über Kräutermischungen gehört: Für einen 16-Jährigen aus Köln sei der Rausch nach drei, vier Zügen an seinem Joint auf der Intensivstation geendet. Ein anderer Kunde klage seit Dezember letzten Jahres über Lungenprobleme und kein Arzt könne ihm sagen, ob diese in seinem Leben noch einmal weggehen würden.

Und das sind noch harmlose Folgeerscheinungen: In Internet-Foren berichten User von Muskelkrämpfen, Wahrnehmungs- und Koordinationsstörungen, Psychosen, paranoiden Schüben und Aggressionsausbrüchen nach dem Konsum bestimmter Kräutermischungen.

Trotz der offensichtlichen Gefahr, die vom Inhalt der bunten Tütchen ausgeht, sind der Polizei weitgehend die Hände gebunden. Da die chemischen Stoffe meist weder gegen das Betäubungsmittelgesetz noch das Arzneimittelgesetz verstoßen, "werden keine strafrechtlichen relevanten Tatbestände erfüllt“, so Grobecker zu 'RTL Aktuell Online’. Auf gut Deutsch: Die Polizei ist machtlos.

Bleibt als letzter Ausweg nur noch ein gesetzliches Verbot, wie im Januar 2009 im Falle der Modedroge Spice. Vorher muss jedoch klar sein, was genau verboten werden soll, und das kostet Zeit. "Wenn wir Substanzen auf dem Markt feststellen, die gesundheitsgefährdend sind, melden die Länder dies an das BKA, um über eine Änderungsverordnung zum Betäubungsmittelgesetz eine Strafbarkeit zu erreichen“, erklärt Grobecker. "Bis man dem Gesetzgeber plausibel darlegen kann, worauf sich die Gefahren stützen und wo sie abgewehrt werden müssen, dauert leider“, räumt er ein.

Letztlich helfen wohl nur eine umfangreiche Aufklärung und ein Appell an die Vernunft der Konsumenten und da ist jeder gefragt. "Wir versuchen immer eine Gegenberatung zu machen und den Kunden davon zu überzeugen, es nicht zu probieren oder dauerhaft zu konsumieren“, sagt Michels.

Von Benjamin Seebach

Bildquelle: dpa bildfunk