Das Fernsehen ist tot - es lebe das Fernsehen!

Netflix-Chef Reed Hastings auf der re:publica
Reed Hastings, Chef von Netflix, prophezeit den Tod des TV, dabei wird sein Streaming-Anbieter dem Fernsehen immer ähnlicher. © dpa, Britta Pedersen

Von Marcel Clemens

Das Fernsehen wird sterben. Die These, die so alt ist wie das Fernsehen selbst, war auf der Digitalkonferenz re:publica in Berlin mal wieder in aller Munde. Reed Hastings, Geschäftsführer und Mitbegründer der Multimedia-Firma Netflix, stellte sie in seiner Rede vor ungefähr 2.000 Menschen auf und erntete kaum Widerspruch.

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Der Besuch des 54-jährigen US-Amerikaners war mit Spannung erwartet worden, erhoffte sich doch so mancher Besucher spannende Neuigkeiten von Netflix, das mit seinem Streaming-Angebot für Furore in der Film- und Serienlandschaft gesorgt hatte. Solche Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Im Stile eines routinierten Werbefachmanns wiederholte Hastings, das Fernsehen in seiner Gesamtheit angreifen zu wollen. Eine Aussage, die seit dem Start von Netflix’ Video-on-Demand-Service 2011 beinahe gebetsmühlenartig bekundet wird.

Soll man Hasting Glauben schenken? Klar ist, das Fernsehen wird nicht sterben. Laut der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AFG) bewegt sich die durchschnittliche tägliche Fernsehdauer in Deutschland in den letzten Jahren auf einem gleichbleibenden Niveau von 221 Minuten. Ebenso offensichtlich ist allerdings auch der Einfluss der vielen Video-on-Demand-Angebote auf die TV-Unternehmen. Denn schon längst ist Netflix zu einer Größe gewachsen, bei der man Vergleiche zum 'linearen' Fernsehen ziehen darf. Der Geschäftsbericht des ersten Quartals 2015 zählt rund 40 Millionen Abonnenten in den USA, hinzukommen circa 20 Millionen internationale Kunden. In Deutschland beträgt die Zahl der Abonnenten um die 470.000, ein halbes Jahr nach Einführung. Eine Zahl, die TV-Sender nicht unbeeindruckt lässt, aber auch nicht in Schockstarre versetzen muss.

"Klassisches" Fernsehen und On-Demand-Dienste kommen einander inhaltlich immer näher

Und: On-Demand-Angebote wie Netflix, Amazon Instant Video und Watchever wachsen weiter. Allerdings führt das Wachstum auch dazu, dass sich die Angebote in ihrer Struktur dem traditionellen Fernsehen stark annähern. War das eigens von Netflix produzierte House of Cards 2013 noch ein Novum, das den Anbieter eine Sonderstellung einnehmen ließ, produziert Netflix im Jahr 2015 bereits neun eigene Drama- und Comedy-Serien. Sprich: Je größer das Angebot von eigenen und gekauften Serien und Filmen wird, desto näher kommt man einem der ältesten Paradigmen im klassischen TV-Geschäft - 'Für jeden etwas dabei'.

Auch ein Blick hinter die Kulissen offenbart ähnliche Arbeitsweisen von "neuem" und "altem" TV. So benutzt Netflix einen Algorithmus, der Filme und Serien in Mikrogenres mit dem Ziel einteilt, dem Zuschauer nach dem Ähnlichkeits-Prinzip immer weitere Vorschläge machen zu können. Der Aufbau eines sogenannten "Flows" ist auch der entscheidende Aspekt in der Fernsehgestaltung. Schon seit den 1970ern ist es die Aufgabe jedes Programmplaners, den Zuschauer den ganzen Tag über an einen Sender zu binden und die Sendungs-Übergänge so fließend wie möglich zu gestalten.

Am Tag nach Reed Hastings Auftritt auf der re:publica dominierte eine seiner Aussagen die Berichterstattung: Das Fernsehen sei wie das Faxgerät. Es habe für viele Menschen gut funktioniert, aber jetzt gäbe es einfach Besseres. Die beschriebene Annäherung von linearem TV und den On-Demand-Diensten zeigt jedoch, dass Hastings selbst Gefahr läuft, in ein paar Jahren in solchen Vergleichen aufzutauchen.


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