Das 'wahre' Studentenleben: "Die Belastung und der Druck sind hoch"

26.06.2013 | 16:42
Deutsches Studentenwerk: Zwei Studentinnen erzählen Wie sieht das 'wahre' Leben von Studenten aus?

Wie sieht die Realität aus?

Die neue Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hat erneut das Leben der Studenten unter die Lupe genommen: Trotz der Rekordzahl von 2,5 Millionen Studenten schaffen es Arbeiterkinder nach wie vor nur selten an die Hochschule. Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren 77. Von 100 Kindern aus Facharbeiterfamilien sind es hingegen nur 23. Laut der Erhebung wird derzeit ein Viertel der Studierenden voll oder teilweise mit Bafög gefördert. Stipendien bekommen nur vier Prozent. Sechs Prozent haben Kredite aufgenommen, um ihre Ausbildung zu finanzieren. 61 Prozent der Studenten gaben an, neben dem Studium noch zu jobben - im Schnitt 7,4 Stunden die Woche.

- Anzeige -

Soweit die Ergebnisse der Sozialerhebung. Aber wie sieht die Realität aus? RTLaktuell.de hat zwei Studentinnen gebeten, aus dem Alltag zu berichten. Antonia Oßwald ist 28 Jahre alt und studiert Medienkulturwissenschaften an der Universität Köln. Nadine Brkic ist 21 Jahre alt und studiert Journalistik an der Macromedia Hochschule ebenfalls in Köln. Zu vier ausgewählten Aspekten der Sozialerhebung geben die beiden ihre ganz persönliche Einschätzung ab.

1.) Es gibt keine soziale Gerechtigkeit: 77 Prozent der Kinder aus Akademikerfamilien studieren, aber nur 23 aus Facharbeiterfamilien. Daher fordert die Studie eine Bafög-Anhebung.

Antonia Oßwald: "Ich stamme selbst nicht aus einer Akademikerfamilie und mir war es nur durch Bafög möglich, mein erstes Studium aufzunehmen. Nach Abbruch meines ersten Studiums bekomme ich in meinem zweiten kein Bafög mehr. Es ist sehr schwer über die Runden zu kommen. Es sollte deshalb nicht über eine Erhöhung des Bafögs nachgedacht werden, sondern über die Vergabekriterien."

Nadine Brkic: "Ich stamme auch nicht aus einer Akademikerfamilie. Aber glücklicherweise bin ich nicht auf Bafög angewiesen. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass es sehr schwierig ist, mit dem Bafög-Geld auszukommen. Besonders die Mieten in Universitätsstädten wie Köln sind sehr hoch. Viele entscheiden sich gegen ein Studium, da sie möglichst schnell ihr eigenes Geld verdienen wollen. Eine geringe Bafög-Anhebung bringt da wohl eher wenig."

2.) Klagen der Studierenden über hohe Arbeitsbelastung im Bachelor-Studium zeigen Wirkung: Lehrveranstaltungen wurden entzerrt.

Antonia Oßwald: "In meinem Studienfach hat man trotz Bachelorabschluss sehr viele Freiheiten und kann das Arbeitspensum nahezu selbst bestimmen. Wenn man seinen Abschluss jedoch in der Regelstudienzeit machen möchte, ist die Arbeitsbelastung dennoch relativ hoch und gleicht der eines Vollzeitjobs. Nebenbei jobben ist da unmöglich."

Nadine Brkic: "Die Arbeitsbelastung und der Druck sind hoch. An den meisten Fachhochschulen kann man nicht über seinen Stundenplan bestimmen. Entweder man ist fleißig und arbeitet regelmäßig vor (und nach) den Vorlesungen an seinen Hausarbeiten etc. oder man wählt die stressige Variante und klotzt in den letzten zwei Wochen vor Semesterschluss richtig rein."

"Die Wohnungssuche gleicht oft einem Kampf"

3.) 61 Prozent der Studenten jobben nebenbei - weniger als bisher. Sicht der Forscher: Straffes Bachelor-Studium lässt keine Zeit für Arbeit.

Antonia Oßwald: "Da ich aufgrund eines Studienwechsels kein Anspruch mehr auf Bafög habe, bin ich gezwungen neben meinem Bachelor-Studium jobben zu gehen. Das hat zur Folge, dass ich die Regelstudienzeit von sechs Semestern überschreiten werde. Dafür sammle ich während des Studiums schon wertvolle Erfahrungen, die den Berufseinstieg um einiges erleichtern können."

Nadine Brkic: "Anders als an der Universität kann ich mir den Stundenplan nicht selbst zusammenstellen, wie es mir passt. Die Kurse und die Zeiten sind fest vorgeschrieben. Leider wird dabei selten bedacht, den Stundenplan an drei Tagen in der Woche lieber voller zu ‘bepacken‘, um ein oder zwei Tage in der Woche frei zu haben, um arbeiten zu gehen und sich die Studiengebühren leisten zu können. Es geht aber nicht nur um das Geld, sondern auch um die Erfahrung. Man kann nicht Journalistik studieren und noch nie eine Redaktion gesehen haben. Manchmal muss man dann einfach abwägen, ob die Vorlesung heute vielleicht doch nicht so relevant ist, und man arbeiten geht. Eins bleibt eben immer auf der Strecke – ab einem gewissen Zeitpunkt sollte man sich jedoch für die Vorlesung entscheiden."

4.) Der Anteil der Studenten in günstigen Wohnheimen geht zurück, weil es immer mehr Studenten gibt, aber nicht genug Wohnheimplätze. Kann man als Student heutzutage günstig wohnen?

Antonia Oßwald: "In einigen Städten Deutschlands ist es sicherlich möglich auch als Student günstigen Wohnraum zu finden. In Köln gleicht die Wohnungssuche eher einem Kampf. Diesen Kampf gewinnt in den seltensten Fällen der arme Student. Ich persönlich hatte da ganz schön Glück, weil ich mir mit meinem Partner eine Wohnung teile und somit die Kosten im Rahmen bleiben."

Nadine Brkic: "In kleineren, deutschen Städten ist es mit Sicherheit noch möglich günstig zu wohnen. In den Universitäts-Hochburgen nicht. Selbst WG-Zimmer, völlig vom Zentrum der Stadt abgelegen, kosten eine Menge. Zu einem Besichtigungstermin erscheinen oft über 50 Interessenten – der Student ist für den Vermieter meist die unsicherste Variante. Viele bleiben dann bei den Eltern wohnen und nehmen in Kauf, täglich lange zu pendeln. Die Suche beispielsweise in Köln, Hamburg oder München fordert viel Kreativität (Aushänge in der Bahn, Wohnungs-Tausch-Angebote), aber auch Glück: Durch Zufall kam ich an einer Wohnung in einem schönen, zentralen Stadtteil vorbei, wo im selben Moment ein Auszug stattfand. Ich fragte sofort den Vermieter, bevor er die Wohnung online setzte. Es gehört eben auch Glück dazu."

Bildquelle: dpa bildfunk