Demonstrationen in Istanbul: Mann stirbt durch Kopfschuss

Zweites Opfer erliegt Verletzungen durch Splittergranate

In der Türkei ist bei den Zusammenstößen zwischen der Polizei und Gegnern von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ein unbeteiligter Mann ums Leben gekommen. Der 30-jährige Ugur Kurt sei trotz einer Notoperation den Schussverletzungen erlegen, die er im Istanbuler Stadtbezirk Okmeydani erlitten habe, teilte das behandelnde Krankenhaus mit.

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Istanbul, Erdogan
Bei Protesten in Istanbul gegen die Regierung Erdogans setzte die Polizei Wasserwerfer gegen Demonstranten ein. © dpa, Ulas Yunus Tosun

Nach Angaben des stellvertretenden Regierungschefs Bulent Arinc hatte Kurt nicht an den Protesten teilgenommen, sondern an einer Beerdigung in der Nähe. Die genauen Umstände seines Todes sind noch unklar.

Noch in der gleichen Nacht ließ ein weiterer Mensch bei Protesten gegen Erdogan sein Leben. Der Mann sei Verletzungen erlegen, die er durch eine Splittergranate erlitten habe, sagte Provinzgouverneur Hüseyin Avni Mutlu. Acht weitere Personen seien verletzt worden.

Die Sicherheitskräfte waren am Donnerstag mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgegangen, die Brandsätze und Steine warfen. Auf Bildern ist zudem zu sehen, wie ein Polizist mit einer Waffe in die Luft schießt. In Okmeydani hatten etwa 15 Jugendliche gegen den Tod eines Jugendlichen protestiert, der kürzlich bei einer Demonstration wegen des jüngsten Bergwerksunglücks mit 301 Toten ums Leben gekommen war.

Der türkische Regierungschef steht seit dem Grubenunglück in Soma massiv in der Kritik, nachdem ein Foto aufgetaucht war, das zeigte, wie sein Berater Yusuf Yerkel auf einen am Boden liegenden Demonstranten eingetreten hatte.

"Natürlich gehe ich nach Deutschland"

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen blickt man in Deutschland dem Wahlkampfauftritt Erdogans in Köln am Samstag mit Sorge entgegen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach in einem Interview mit dem 'Pfälzischen Merkur' und der 'Saarbrücker Zeitung' das Einschreiten gegen Demonstranten, die Übergriffe auf soziale Netzwerke und die Lage der Christen an. Mit Blick auf Erdogans Rede betonte Merkel, sie gehe davon aus, "dass er weiß, wie sensibel dieser Termin gerade diesmal ist, und dass er verantwortungsvoll auftritt". Merkel räumte aber auch ein, es sei "unbestritten, dass die Türkei mit Erdogan große wirtschaftliche Fortschritte" gemacht und sich auch das Verhältnis zu den Kurden gebessert habe. Auch schätze sie, was das Land mit der Aufnahme syrischer Flüchtlinge leiste.

An die letzten Auftritte des türkischen Ministerpräsidenten hat der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sufuoglu, keine guten Erinnerungen: "Erdogan hinterlässt jedes Mal einen Scherbenhaufen, den Migrantenorganisationen in Deutschland dann wieder aufsammeln müssen."

Veranstalter und Polizei rechnen mit 30.000 Erdogan-Anhängern und schätzungsweise 30.000 Demonstranten, die gegen Erdogan demonstrieren wollen. Die Polizei wird mit Hundertschaften vertreten sein, um Zusammenstöße zwischen beiden Gruppen zu verhindern.

"Aber es wird nicht einfach sein", sagte Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) im Südwestrundfunk. Zumindest kommt der Polizei zugute, dass sich die Lanxess-Arena mit den Erdogan-Anhängern auf der rechten Rheinseite befindet, während sich die Gegendemonstranten auf der linken Rheinseite versammeln.

Erdogan bestätigte noch einmal, dass er trotz aller Kritik in Köln auftreten will. "Wir gehen dorthin", bekräftigte er in einer Rede vor Provinzpolitikern in Ankara. "Ich habe dort drei Millionen Staatsbürger, natürlich gehe ich nach Deutschland." Erstmals dürfen auch Türken im Ausland ihre Stimme abgeben.


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