Der Tag, an dem der Sport seine Unschuld verlor

Das Olympia-Attentat von 1972 zeigt: Die deutschen Behörden sind völlig überfordert

Es ist ein schwerer Gang - zahlreiche Hinterbliebene und Überlebende sind an jenen Ort gekommen, an dem vor genau 40 Jahren ein Blutbad die Welt erschütterte. Mit einer bewegenden Gedenkfeier, Kranzniederlegungen und Friedensgebeten ist in Fürstenfeldbruck und München an den Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 erinnert worden. Sie sollten ein Fest des Friedens und der Völkerverständigung werden. Doch am Morgen des 5. Septembers 1972 verliert der Sport seine Unschuld und wird zum Instrument von Terror und Gewalt.

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Olympia-Attentat, Israel, München 72, 40 Jahre
Das Olympia-Attentat von 1972 erschüttert die Sportwelt. Olympia verliert seine Unschuld, als elf israelische Geiseln ums Leben kommen. © picture alliance / EPU, EPU-Reporting-Fond

Immer wieder sind Sportveranstaltungen genutzt worden, um politische Botschaften zu verbreiten. Doch was sich an jenem Tag im Olympischen Dorf in München abspielt, erschüttert die gesamte Welt. Mit Kalaschnikows bewaffnet stürmen acht Mitglieder der palästinensischen Terrorbewegung 'Schwarzer September' mühelos ins nur schlecht gesicherte Olympische Dorf und überwältigen dort elf Israelis, darunter Sportler, Trainer und Kampfrichter. Die Terroristen haben es leicht, ins Dorf einzudringen, weil die Münchner Organisatoren nach den Nazi-Spielen von 1936 besonderen Wert auf 'heitere Spiele' legen. So war die Polizeipräsenz extrem heruntergefahren worden. Deutschland will sich als bewusst leger präsentieren. Eine fatale Strategie.

Zwei Israelis werden bereits im Olympischen Dorf erschossen, die übrigen nehmen die Attentäter als Geisel. Im Austausch gegen die Sportler fordern die Palästinenser die Freilassung von 200 palästinensischen Häftlingen und freies Geleit in eine arabische Hauptstadt. Ansonsten müssten alle Geiseln sterben. Der Bürgermeister des Olympische Dorfes, Walther Tröger, und OK-Chef Willi Daume verhandeln mit den Terroristen. Alles, was sie erreichen können, ist ein Aufschieben des Ultimatums auf 17 Uhr. Der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher erklärt sich sogar als Austauschgeisel bereit.

Längst ist das Olympische Dorf von Scharfschützen und Polizei umstellt. Nach weiteren Verhandlungen mit dem Anführer der Gruppe, der sich 'Issa‘ nennt, erklären sich die deutschen Verhandlungspartner bereit, die Terroristen mit einem Hubschrauber auszufliegen.

Das Fiasko auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck

Um 22.18 Uhr heben zwei Hubschrauber aus dem Olympischen Dorf ab und bringen die Palästinenser und ihre Geiseln auf den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck unweit von München. Dort wollen die deutschen Behörden die Terroristen angreifen. Doch der Plan der Behörden ist naiv und in seiner Ausführung dilettantisch. Es sind nur fünf Scharfschützen auf dem Flugplatz, als man feststellt, dass es acht statt fünf Geiselnehmer gibt. Ein Freiwilligen-Kommando der Polizei, das die Terroristen als Crew getarnt im Flugzeug überwältigen soll, ist nur mit Dienstpistolen ausgestattet. In Anbetracht der waffenmäßigen Unterlegenheit bläst man das Kommando ab. So finden die Geiselnehmer ein leeres Flugzeug vor. Die Terroristen bemerken die Falle und laufen zurück zu den Hubschraubern.

In diesem Moment wird die Flughafen-Beleuchtung abgeschaltet und die Scharfschützen eröffnen das Feuer. Weil sie aber keine Nachtsichtgeräte haben, wird nur ein Terrorist getroffen. Die anderen erwidern das Feuer. Es entwickelt sich eine wilde Schießerei, in deren Verlauf die Palästinenser die Ausweglosigkeit ihrer Lage erkennen und alle israelischen Geiseln töten.

Erst um 1:32 in der Nacht hört der Schusswechsel auf. Neben den Israelis sind fünf von acht Geiselnehmern tot und ein unbeteiligter Polizist, der den Schusswechsel aus einem Fenster beobachtete. Ein Hubschrauberpilot und ein Scharfschütze werden zudem durch ‚Friendly Fire‘, also Kugeln von deutschen Polizeikräften, schwer verletzt.

Das Geiseldrama führt der Welt vor Augen, wie schlecht die deutschen Sicherheitskräfte ausgebildet und vorbereitet sind. Daher wird auf Initiative Genschers noch im September die GSG9 gegründet, eine spezielle Eingreifgruppe.

Der Schaden ist gewaltig. Deutschland zeigt sich völlig inkompetent, das Leben der Israelis zu schützen. Als dann auch noch publik wird, dass die deutschen Behörden die gefassten Geiselnehmer ohne Konsultation mit Israel ausflogen und freiließen, ist auch die diplomatische Katastrophe perfekt. Die israelische Premierministerin Golda Meir beauftragt daraufhin den Geheimdienst Mossad damit, die Attentäter aufzuspüren und zu töten.

Die Olympischen Wettbewerbe werden nach dem Massaker unterbrochen. Nach einer Gedenkstunde im Olympiastadion spricht der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, dann die berühmten Worte: "The Games must go on". Doch die Spiele sind nicht mehr die gleichen, sie haben ihre Unschuld verloren.