Deutschland: Erhöhte Blackoutgefahr durch Energiewende?

25.02.2012 | 08:10
Die Bundesregierung hat sich mit der 'Energiewende bis 2022' eine Mammutaufgabe gestellt, die bisher nur schleppend vorankommt. Die malerische Kulisse trügt: Gerade der Transport der durch die Windkraftanlagen gewonnenen Energie stellt das deutsche Stromnetz auf eine harte Probe.

"Der Energieumbau ist ein hochambitioniertes und fragiles Unternehmen"

Als Reaktion auf das Reaktorunglück im japanischen Fukushima, im März des vergangenen Jahres, hat die Bundesregierung den Atomausstieg Deutschlands bis 2022 beschlossen. Ein beispielloses Vorhaben, das allerdings mit vielen Risiken für das deutsche Stromnetz verbunden ist.

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Doktor Thomas Petermann mahnt die gewollte Energiewende als "schwer zu bewältigendes Unterfangen" an und beschreibt den Umbau als "ein hochambitioniertes und fragiles Unternehmen". Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), beschreibt den forcierten Energiewandel als einen Prozess mit vielen Teilschritten, der verschiedene Vertreter dazu verpflichten würde, verantwortlich zu handeln. Dabei ist es nach Petermann vor allem notwendig, "Netzsicherheit und Versorgungssicherheit zu vereinen" und das scheint im Moment noch nicht gegeben zu sein.

Vermehrt kam es in den vergangenen Monaten zu Netz- und Frequenzschwankungen, die die Industrie zunehmend beunruhigen. Laut des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) hätte der beginnende Energie-Umstellungsprozess zu "bedenklichen Qualitätsverlusten" geführt, zitiert das 'Handelsblatt'. Das Problem: Es wird teils mehr Energie benötigt als transportiert werden kann. Dabei spielt der Ausbau der Transport- und Verteilernetze eine entscheidende Schlüsselrolle. Es fehlen vor allem neue Leitungen, die die Masse an Windstrom von Nord- nach Süddeutschland transportieren können. Von 3.700 Kilometern Hochspannungsnetz, die bis 2025 für den Transport eingerichtet werden sollen, sind in den vergangenen Jahren nur rund 100 Kilometer gebaut worden. Während es im Norden zu viel Strom gibt, der zur Entlastung des Stromnetzes sogar teilweise ins Ausland abgeführt werden muss, kämpft der industriestarke Süden mit Energiemangel.

Riskanter Stromhandel und Standortflucht

Die Transportunsicherheiten und der Wegfall der Energie der bereits acht abgeschalteten Atomkraftwerke haben bislang noch nicht zu einem größeren Stromausfall geführt. Trotzdem warnt RWE-Chef Jürgen Großmann: "Um einen bundesdeutschen Blackout zu vermeiden, kann es notwendig sein, einzelne Regionen in Süddeutschland – etwa in der Größe des Großraums Stuttgart – dunkel zu schalten". Eine Situation, die laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer(DIHK) viele Firmen dazu veranlasst, Standorte von Deutschland in andere Länder zu verlegen. Demnach solle bereits jeder fünfte Industriebetrieb aufgrund der unsicheren Versorgungslage Geschäfte ins Ausland verlagert haben.

Für zusätzliche Besorgnis sorgt ein Schreiben der Bundesnetzagentur an die Stromhändler, laut dem das deutsche Stromnetz Anfang Februar akut von einem Zusammenbruch bedroht gewesen sein soll. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass Kosten für sehr hohe Börsenstrompreise infolge der langanhaltenden Minusgrade gespart werden sollten und der Bedarf so entsprechend kleingerechnet worden ist. Die Aufsichtsbehörde kündigte eine umfangreiche Untersuchung an.

Thomas Petermann fordert den Prozess des Energieumbaus insgesamt "auf allen Ebenen transparent zu machen". Auf diese Weise hätten sowohl Infrastruktur als auch beteiligte Kommunikatoren eine Chance "hinterher zu kommen". Die Energiewende muss demnach zu einem Prozess gemacht werden, der auf allen beteiligten Ebenen gleich stark wachsend stattfindet. Nur so kann das Ziel erreicht werden bis 2020 den Anteil des "grünen Stroms" am Gesamtstrom auf 35 Prozent zu erhöhen.

Marieke Reimann

Bildquelle: deutsche presse agentur