Deutschlands Jugendämtern droht der Kollaps: Tausende Mitarbeiter fehlen

Gewalt gegen Kinder: Politik ist überfordert
Gewalt gegen Kinder: Politik ist überfordert Was machen eigentlich die Jugendämter? 00:02:46
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"Wir spielen nur noch Feuerwehr"

Es sind Zahlen, die aufwühlen, schockieren: 130 getötete Kinder, fast 4.000 Fälle von körperlicher Misshandlung - alles im vergangenen Jahr. Was ist da los in Deutschland? Und was machen eigentlich die Jugendämter? Sind die angesichts dieser Zahlen eigentlich noch in der Lage, Kinder vor der Gewalt überforderter Eltern zu schützen? Oder sind sie selbst überfordert und personell zu schwach aufgestellt? Experten tun sich schwer, Antworten zu finden.

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Hinter jedem Fall verbirgt sich ein trauriges Schicksal, manche dieser Schicksale bewegen die Öffentlichkeit: der kleine Tayler (†1) aus Hamburg wurde totgeschüttelt, der Säugling Leo aus Mönchengladbach vom Freund der Mutter aus Eifersucht brutal misshandelt und erschlagen, Yagmur (†3) von der eigenen Mutter in Hamburg zu Tode gequält. Häufig stellt sich hinterher heraus, dass die Kinder in sozial auffälligen Verhältnissen lebten, ihre Familien den Behörden und Jugendämtern als problematisch bekannt waren.

Zahl der 'In-Obhut-nahmen' hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt

Sozialpädagogin Monika Wallor vom Jugendamt Berlin-Mitte
Monika Wallor vom Jugendamt Berlin-Mitte

Jugendämter stehen besonders in der Kritik, sie haben die undankbare Aufgabe, es möglichst allen recht zu machen: den Eltern, der Öffentlichkeit. Hinterher haben es alle besser gewusst: das Amt hat zu früh eingegriffen, das Amt hat zu spät reagiert, die Vorwürfe sind austauschbar. Für die Mitarbeiter keine leichte Situation. "Seit Jahren fehlt Personal, zugleich nimmt die Zahl kritischer Fälle zu", klagt Monika Wallor vom Jugendamt Berlin-Mitte über den offensichtlichen Notstand. Für sie ein Dilemma, die Sozialpädagogin will Kindern helfen und sie beschützen, kann es aber oft nicht.

Die Regionalleiterin des Bezirksamt Mitte, Kerstin Kubisch-Piesk, bestätigt die Probleme. Beratung und Prävention seien nur graue Theorie, "nette Ideen von früher", wie sie sagt. Die Mitarbeiter überwiegend damit ausgelastet, sich um Notfälle zu kümmern. Ihre eigentliche Arbeit könnten sie nicht mehr bewältigen, "wir spielen nur noch Feuerwehr."

Der Politik sind die Schwierigkeiten bekannt: innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Zahl der sogenannten 'In-Obhut-nahmen' verdoppelt, etwa 50.000 Fälle sind es jährlich. Den Jugendämtern fehlten tausende Mitarbeiter, sagt der Bundestagsabgeordnete Norbert Müller (Linke). Doch selbst wenn es - wie im Amt von Monika Wallor - einige freie Stellen gibt, können sie oft nicht besetzt werden, weil sich niemand bewirbt.


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