Deutschlands Tiere in Gefahr: "Artenverlust muss gestoppt werden"

26.03.2014 | 13:24
29 Prozent der Tierarten in Deutschland sind bedroht. Rund 29 Prozent der Tierarten in Deutschland sind zunehmend bedroht. In einigen Regionen frisst die Landwirtschaft sprichwörtlich Lebensräume auf.

Umweltschützer fordern mehr Einsatz der Politik

Wie sieht es in Deutschlands Wäldern aus? Sind unsere Wiesen, Weiden und Flüsse noch intakt? Die bisher umfassendste Bestandsaufnahme zu Tierarten und Lebensräumen kommt zu dem erschreckenden Ergebnis: Nein! Heimische Tierarten sind in Gefahr. Laut der Erhebung gelten 29 Prozent der Tierarten in Deutschland als bedroht. Der BUND und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) kamen in einer Studie sogar zu dem Ergebnis, dass in keinem von dreizehn untersuchten Bundesländern Tiere, Pflanzen und Lebensräume so geschützt würden, "dass der Verlust der Artenvielfalt in Deutschland bis 2020 gestoppt und gefährdete Lebensräume wieder hergestellt werden können".

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Die genauen Ergebnisse der Erhebung, welche auf zwei EU-Richtlinien zum Vogelschutz und zum Schutz von Flora und Fauna zurückgeht, stellt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) heute vor. Nachdem laut Umweltministerium fast 12.000 Stichproben vom Gipfel des Feldbergs bis hin zu Nord- und Ostsee erhoben wurden - die Pflanzenvielfalt, Fische und 270 Vogelartenberücksichtigten - steht jetzt fest: Viele Tiere scheinen zu verschwinden. Nach Schätzungen sind bei einem Drittel aller Brutvogelarten Bestandsrückgänge zu verzeichnen. Besonders bei Amphibien, Schmetterlingen, Wanderfischen gilt die Situation als kritisch. Regional am schwierigsten ist die Lage im Norden und Westen, wegen der Landwirtschaft. Am besten sieht es im alpinen Raum aus.

Sogar bedrohte artenreiche Wiesen und Weiden werden umgepflügt

Nach im Dezember bekanntgewordenen Vorabergebnissen gibt es bei Wolf und Biber positive Entwicklungen, bei den Lebensräumen wird der Buchenwald-Zustand vielerorts als gut bewertet. Die Bestände an Wildkatzen und Seeadlern erholen sich. Bei Kiebitz und Uferschnepfe hingegen setzen sich die deutlichen Verluste fort. Bei 84 Brutvogelarten gibt es insgesamt einen rückläufigen Trend. "Zahlreiche Vogelarten, die hierzulande einst weit verbreitet waren, sind akut gefährdet", fasst NABU-Präsident Olaf Tschimpke die bedrohliche Lage zusammen. Die Inventur sei ein "Alarmsignal".

Sorgen bereitet auch die Umwandlung von Grünland in Ackerland. Als Probleme für natürliche Lebensräume werden die intensive Landwirtschaft und der hohe Flächenverbrauch beziehungsweise die Zerschneidung durch Siedlungen und Verkehrswege ausgemacht. "Umgepflügt würden sogar bedrohte artenreiche Wiesen und Weiden in Schutzgebieten", kritisierten beide Verbände. Der WWF fordert daher 30 statt bisher 15 Millionen Euro Fördergeld für die biologische Vielfalt.

Was also können wir sonst tun? "Die Länder, aber auch der Bund müssen mehr tun", fordert der Vorsitzende des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger. Konkret bedeutet dies, naturbelassene Wälder und geschützte Wildnisgebiete zu schaffen. Zu den Ursachen des Artensterbens gehörten auch der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und die Überdüngung der Böden und Gewässer. "Deshalb müssen der Pestizideinsatz verringert und die Düngeverordnung nachgebessert werden. Und statt zu kürzen, muss der Ökolandbau stärker gefördert werden", so Weiger.

Hendricks plant deshalb die Ausweitung von Maiseinöden zu unterbinden, da so natürliche Lebensräume verloren gehen. Neue Biogasanlagen dürfen gemäß der geplanten Ökostrom-Reform daher nur noch mit Abfällen und Reststoffen gefüttert werden. Und: Der Anstieg der Siedlungs- und Verkehrsfläche betrug zuletzt 74 Hektar pro Tag. Hendricks will dies zum Wohle der Natur auf 30 Hektar bis 2020 drücken. Aber vielleicht sei auch das noch zu viel, zeigt sie sich skeptisch. "Ich weiß nicht, wann die Bundesrepublik dann zugebaut ist."

Auf jeden Fall will die Umweltministerin den Naturschutz stärker in den Fokus nehmen. Sie illustriert die Bedeutung mit Hilfe der Bienen. Wenn sie nicht wären, gebe es keine Äpfel und Kirschen mehr. "Das sind eigentlich Milliardenwerte, die die fleißigen Bienen für uns erwirtschaften", mahnt die Ministerin. Die sei aber nur ein Beispiel: "Westlich der Elbe gibt es einen einzigen, männlichen Wolf", zeigt sie Hendricks betroffen. "Wir müssen lernen, mit dem Wolf zu leben", sagte zu Beginn ihrer Amtszeit. Die Frage aber ist, ob Deutschland nicht nur bereit ist mit diesen Tieren zu leben, sondern auch um diese zu kämpfen.

Bildquelle: dpa bildfunk