Die Katastrophe von Fukushima: Untersuchungsbericht zeigt die Hilflosigkeit der Führungspersonen

09.03.2012 | 17:02
Untersuchungsbericht zu Fukushima-Katastrophe veröffentlicht. Der Gründer der unabhängigen Kommission RJIF, Yoichi Funabashi, prangert in seinem Untersuchungsbericht zur Nuklear-Katastrophe von Fukushima ein Kommunikations-Desaster bei den Führungspersonen an.

Betreiber Tepco wollte Fukushima aufgeben

Einen Erdstoß der Stärke 9,0 misst die US-Erdbebenwarte (USGS) am 11. März 2011 um 14.45 Uhr Ortszeit (06.45 MEZ) vor der japanischen Insel Honshu. Seit Beginn der Aufzeichnungen ist es das stärkste Beben in dieser Region – weltweit zeigte die Richterskala-Nadel nur dreimal einen höheren Wert an. Während in der 373 Kilometer entfernten Hauptstadt Tokio Menschen panisch aus Bürogebäuden auf die Straße laufen, verwüstet ein bis zu 14 Meter hoher Tsunami weite Teile der japanischen Ostküste. Die Flutwelle reißt Autos, Schiffe und Häuser mit sich – ganze Küstenstädte werden ausgelöscht. Zehntausende Menschen sterben innerhalb kürzester Zeit.

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Doch die folgenschwerste Tragödie in der japanischen Geschichte ereignet sich im Atomkraftwerk Fukushima 1. In dem direkt am Meer gelegenen AKW fällt aufgrund des Bebens die Stromversorgung aus. Die angesprungenen Notfall-Generatoren zur Kühlung der Reaktoren werden von der Monsterwelle zerstört – die Welt erwartet den zweiten Super-GAU nach Tschernobyl.

Bei der japanischen Regierung und Kraftwerksbetreiber Tepco regiert das Chaos: Offizielle Stellen versuchen alles, um das wahre Ausmaß der Katastrophe in der Öffentlichkeit zu verschleiern. Wie groß die Verunsicherung und Planlosigkeit unter den Verantwortlichen in den entscheidenden Stunden tatsächlich war, dokumentiert der Untersuchungsbericht der unabhängigen Kommission Rebuild Japan Initiative Foundation (RJIF). Das Experten-Team von RJIF – bestehend aus Wissenschaftlern, Juristen, Journalisten und anderer Spezialisten – befragte über sechs Monate fast 300 Personen, die direkt in die Katastrophe von Fukushima involviert waren. Selbst der damalige Regierungschef Naoto Kan stellte sich ihren Fragen.

Aus alldem geht hervor, wie das Misstrauen der Führungspersonen untereinander in den ersten Tagen in ein Kommunikations-Desaster ('Elite Panic') gipfelte: Während der Direktor von Fukushima 1, Masao Yoshida, der Regierung versichert, dass er das Kraftwerks-Problem in den Griff bekommt, wenn seine Leute auf dem Gelände bleiben dürfen, unternimmt Tepco-Präsident Masataka Shimizu genau das Gegenteil. Er will sein gesamtes Personal so schnell wie möglich evakuieren – was verheerende Folgen gehabt hätte.

"Premier Kan hat Japan gerettet"

Als am 14. und 15. März eine Reihe von Wasserstoff-Explosionen das AKW erschüttern, legen Experten Regierungschef Kan erstmals schriftlich das Worst-Case-Szenario eines Atomunfalls vor. Sollten die Tepco-Arbeiter tatsächlich das Gelände verlassen, würde das AKW außer Kontrolle geraten und große Mengen Radioaktivität in die Atmosphäre entweichen. Weite Teile der Umgebung müssten evakuiert werden – auch andere Kernkraftwerke in der Region.

Chefkabinettsekretär Yukio Edano spricht in diesem Zusammenhang von einer "teuflischen Kettenreaktion". Es käme in weiteren AKW zur Kernschmelze und letztlich müsste die 30-Millionen-Einwohner-Metropole Tokio geräumt werden. "Wir werden Fukushima 1 verlieren und danach Tokio", wird Edano zitiert.

Laut RJIF-Bericht trifft Premier Kan am Morgen des 15. März eine weitreichende Entscheidung. Nachdem er hört, dass alle Mitarbeiter von dem havarierten AKW Fukushima 1 abgezogen werden sollen, stürmt er wutentbrannt in die Tepco-Zentrale in Tokio. Dort brüllt er die Geschäftsführung an und verlangt das havarierte Kraftwerk nicht aufzugeben. Yoichi Funabashi, Gründer von RJIF, sagte der New York Times: "Kans Forderung an Tepco Fukushima nicht aufzugeben, hat Japan gerettet."

Bildquelle: dpa bildfunk