Die Schlagwort-Republik: Wie Politiker uns durch Sprache manipulieren

Die Schlagwort-Republik: Wie Politiker uns durch Sprache manipulieren
Auf Wahlplakaten, bei Wahlkampfauftritten oder in Interviews - kein Politiker-Schlagwort ist zufällig gewählt. © dpa, Jens Wolf

"Ein Meiler ist ein kleines Feuer im Wald"

Wenn Politiker anfangen, öffentlich Reden zu schwingen, wird oft tief in die rhetorische Trickkiste gegriffen. Vereinfachung, Übertreibung, Manipulation - alles scheint erlaubt zu sein. Ein besonders gern genommenes Hilfsmittel ist dabei die Verwendung von Schlagwörtern. Rhetorik-Experten bestätigen, dass Politiker häufig zum Mittel der Vereinfachung greifen und versuchen, den Wähler in die Irre zu führen.

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Joachim Knape, Direktor des Seminars für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, dem einzigen Universitätsinstitut für Rhetorik in Deutschland, kennt die Tricks der Profis. Politiker, so Knape, verwendeten "auf Englisch gesagt 'catch words', was die Phantasie der Journalisten entzünden soll". Man wolle damit entweder "gleich eine Weltinterpretation mitbringen", "eine Debatte auslösen, in der man gut kommt oder etwas verschleiern, in dem man etwas schönredet".

Ein Beispiel dafür, wie sich ein und dieselbe Sache allein durch die Wahl der Bezeichnung im eigenen Sinne färben lässt, ist das Betreuungsgeld. Während auch von einer "Herdprämie" gesprochen wird, gibt es schon den Begriff "Alleinverdienerprämie". Als die Opposition Familienministerin Kristina Schröder (CDU) wegen des geplanten Betreuungsgeldes kritisierte, sprach Schröder davon, dass sie keine "Fernbleibe-Prämie" wolle.

Nicht anders beim Mindestlohn. Die CDU beharre auf ihrem Begriff "Lohnuntergrenze" und überlasse den Begriff "Mindestlohn" den Genossen, so 'Deutschlandradio Kultur' in einem Portrait eines CDU-Hinterbänklers. Während im Wortbestandteil "Mindest-" eine Forderung nach oben steckt, suggeriert das Wort "Lohnuntergrenze", dass alle Löhne bereits über dieser Grenze liegen und lediglich eine Untergrenze eingehalten werden soll.

Ein Beispiel, so der Rhetorik-Experte Knape, sei auch die Atompolitik, wo "Euphemismen und Beschönigungswörter verwendet wurden". So würden Atomkraftwerke anstatt Atomkraftwerke Atommeiler genannt. "Ein Meiler ist ein kleines Feuer im Wald, wo man Kohle kokst, so hat man Atomenergie auf die kleine Kohle zurückgeführt." Eine "Verniedlichung" in den Augen von Knape.

Angela Merkel hat bei Heiner Geißler gelernt

Angela Merkel hat bei Heiner Geißler gelernt
"Mindestlohn" - oder besser "Lohnuntergrenze"? Kommt drauf an, was man aussagen möchte. © dpa, Stephanie Pilick

"Wer die Begriffe besetzt, besetzt die Köpfe", hat der CDU-Grande Heiner Geißler einmal gesagt. Geißler muss es wissen. Als Generalsekretär seiner Partei war er dafür verantwortlich, dem Gegner - auch rhetorisch - Paroli zu bieten und die Partei nach außen hin zu positionieren. Was Geißler formulierte sei etwas, "was die CDU und auch alle anderen Parteien in den letzten Jahren gelernt haben", sagt Peter Ditko, Gründer und Leiter der Deutschen Rednerschule in Bonn. Ditko hat schon die ganz Großen in der Politik gelehrt, wer genau dazu gehört unterfällt der in der Redenschreiber-Branche üblichen Diskretion. Fotos auf der Homepage der Rednerschule zeigen ihn mit Politikern wie Guido Westerwelle (FDP), Oskar Lafontaine (Linke) oder dem früheren Außenminister Joschka Fischer (Grüne).

Wie das Besetzen von Schlagwörter ebenfalls aussehen kann, dafür nennt Ditko ein Beispiel: "Angela Merkel hat in einer Rede das Wort 'Mitte' 25 Mal wiederholt, bis am Ende des Parteitags der CDU die Mitte gehörte." Merkel mache das "absolut geschickt", sie sei Physikerin und Logikerin und habe "das bei Geißler kennengelernt".

Fachbegriffe würden in der politischen Debatte in der Regel vermieden, so Ditko, "weil die die Köpfe nicht besetzen". Es gebe aber auch Begriffe, die "das Volk gar nicht richtig kapieren soll", Knape spricht von "semantischen Nebelkerzen", das heißt, die Begriffe sollen wie Rauchgranaten die Semantik, also die Bedeutung eines Wortes, verschleiern. Dazu gehörten etwa die englischen Begriffe "EFSF" und "Eurobond". Häufig versuche man allerdings mit Metapherbegriffen zu arbeiten, wie zum Beispiel beim Begriff "Rettungsschirm". "Da geht es ja um Milliarden, man simplifiziert den Sachverhalt mit einem einfachen Begriff, der nicht logisch aber plausibel ist, um etwas zu verkaufen. Nämlich: Wenn du einen Schirm hast, wirst du nicht nass, wenn du keinen hast, wirst du nass", bemängelt Ditko. Es gebe eine "Fachsprache der Politik, die von der juristischen Bürokratiesprache kommt", erklärt Knape den Grund für die Verwendung mancher Begriffe.

Die Grundregel: "Man muss Worte finden, die sehr kurz sind, sehr prägnant sind. 'Atomkonsens' ist ein zusammengesetztes Wort mit einem positiven Teil – Konsens – und einem eher negativen Teil – Atom. Der positive Teil allerdings überwiegt, das Wort ist gut", meint Ditko.

Die Energiewende wurde gut dargestellt, Fracking nicht

Die Vereinfachung von Sprache in der Politik hat allerdings auch Vorteile. "Man erreicht natürlich die Menschen dadurch. Die Bild-Zeitung ist zwanzig Mal erfolgreicher als die Frankfurter Allgemeine Zeitung, weil die Leute einfache Antworten hören wollen", so Reiner Pogarell, Mitglied des Vorstands des Vereins Deutsche Sprache und Leiter des Instituts für Betriebslinguistik in Paderborn. Die Energiewende beispielsweise sei "dem Volk extrem einfach dargestellt worden, nach dem Motto 'Wir stellen jetzt um auf erneuerbare Energie‘ und dadurch ist die Akzeptanz sehr hoch, aber die Probleme, die wir jetzt haben, hängen damit zusammen, dass die ganzen Probleme nicht mit geschildert wurden." Pogarell stört allerdings: "Es ist noch niemandem gelungen, das Thema Fracking halbwegs verständlich darzustellen. Hätte man das von Anfang an 'Schiefergasbohrung‘ genannt, dann wäre die Akzeptanz sicherlich größer gewesen als mit diesem Anglizismus."

Ein gutes Beispiel für die Vereinnahmung von Begriffen, wie sie in der Politik geschieht, ist das Wort "Wachstum". Unablässig predigen Politiker, es müsse mehr ökonomisches "Wachstum" geben. So kritisierte der Kanzlerkandidat Peer Steinbrück jüngst anlässlich einer Vorstellung eines Papiers der SPD-Troika zu "Wachstum in Europa": "Nur noch 0,1 Prozent Wachstum und die Regierung schläft." In Europa müssten "endlich auch Wachstums- und Beschäftigungsimpulse gegeben werden". Dabei wissen Soziologen schon lange, dass in der modernen Industriegesellschaft mehr Wachstum aufgrund von Rationalisierung mitunter sogar zu weniger Beschäftigung führt.

"Grünes Wachstum" nennen es denn neuerdings auch die Grünen, wenngleich der Öko-Partei klar sein dürfte, dass der Bau neuer Fabriken selten in erster Linie eine Umweltschutzmaßnahme darstellt. Doch auch Politiker erkennen, dass der Begriff "Wachstum" dehnbar ist. Bei einem Treffen mit dem französischen Präsidenten Hollande räumte Merkel ein: "Wachstum ist ja erst mal ein allgemeiner Begriff." Wachstum müsse bei den Menschen ankommen. Der schleswig-holsteinische FDP-Landtagsfraktionschef Wolfgang Kubicki schimpfte im letzten Jahr über den Wachstumskurs der FDP: "Was soll das denn sein? Familienwachstum? Haarwachstum? Wir müssen diese abstrakten Begriffe mit nachvollziehbaren Inhalten füllen." Und der frühere SPD-Entwicklungsminister Erhard Eppler schreibt in seinem Buch 'Der Politik aufs Maul geschaut' im Kapitel 'Wachstum': "Wenn eine Hausfrau vierzehn Stunden am Tag für ihre Kinder sorgt, wachsen und gedeihen zwar die Kinder, nicht aber das Sozialprodukt."

"Wenn eine Partei keine Begriffe hat, kann sie keine Köpfe besetzen"

Oft werden Schlagwörter in der Politik so häufig verwendet, bis man sie nicht mehr hören kann. "Erst wenn der Redenschreiber einen politischen Begriff bereits als abgenutzt empfindet, beginnt er sich im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern", weiß Thomas Helfen. Der promovierte Politikwissenschaftler war Redenschreiber im Kanzleramt in der Regierungszeit von Helmut Kohl. In Kohls Amtszeit entstanden Begriffe wie "Blühende Landschaften" oder "Standort Deutschland". Im Kanzleramt wurde bereits 1973 eigens eine "Projektgruppe Semantik" gegründet, die sich mit der Frage beschäftigte, wie man politische Bedeutung generiert, Begriffe besetzt und Leitbegriffe in die Welt setzt.

Schon in der Willy-Brandt-Ära habe es "ganz bewusst Versuche gegeben, politische Begriffe zu besetzen", so der Tübinger Professor Knape. Brandt, der in seiner Karriere auch als Journalist und Presseattaché arbeitete, habe "mit Schriftstellern zusammengearbeitet und die SPD hat nach Wahlen immer bestimmte Stichwörter überlegt, die dann in die Zeitung kamen", weiß der Forscher Knape.

Den Kampf um Schlagwörter bringt der Rhetorik-Lehrer Ditko schließlich auf eine einfach Formel: "Wenn eine Partei keine Begriffe hat, kann sie keine Köpfe besetzen, wenn sie keine Köpfe besetzen kann, hat sie keine Wähler." Die Piraten übernähmen jetzt "Begriffe, die die Grünen vorher drin hatten – alternativ, Neuerung, Offenheit, Ehrlichkeit. Das waren alles Begriffe, die die Grünen damals hatten". Jetzt, so Ditko, "streiten immer mehr Parteien um dieselbe Menge an Begriffen".

von Marvin Oppong


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