Dirk Emmerich in Ägypten: "Probleme haben sich nicht in Luft aufgelöst"

"Es ist schon jetzt ein Präzedenzfall für das neue Ägypten"

Auf dem Tahrir zieht am Tag nach dem Sturz von Präsident Mursi nur ganz langsam wieder so etwas wie Normalität ein. Die Zeltstadt liegt im Dunst eines heißen Sommertages, überall sind die Spuren der großen Jubelfeier der Nacht zu sehen. Putzkolonnen sind unterwegs, um den Müll zu beseitigen. Die Zufahrtsstraßen zum Tahrir sind weiterhin nicht befahrbar und bleiben für den Verkehr gesperrt. Aus den Lautsprechern einer improvisierten Bühne am Rande des Platzes tönt arabische Musik. Ein paar Meter weiter wird intensiv diskutiert. Das Land hat sich innerhalb von 24 Stunden verändert. Wirklich? Zumindest hat Ägypten nach dem Beginn des Arabischen Frühlings vor zwei Jahren die Chance auf einen zweiten Neustart bekommen.

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Emmerich, Ägypten
"Wie es in Ägypten in den nächsten Wochen wirklich weitergeht - noch ist vieles ungewiss", glaubt RTL-Korrespondent Dirk Emmerich.

Als das Statement des Militärs live auf den Platz übertragen wurde brach Riesen-Jubel aus, der sechs Stunden bis in den frühen Morgen anhielt - ein Rausch der Sinne, eine Mischung aus Silvester, Rock-Konzert und Love Parade. Eine unglaublich intensive Stimmung. Kein Durchkommen auf den Platz, ohrenbetäubender Lärm und überall jubelnde und erleichterte Menschen.

Wie es in Ägypten in den nächsten Wochen wirklich weitergeht - noch ist vieles ungewiss.

Ja, Mursi ist Geschichte. Adli Mansur, der Chef des Verfassungsgerichts übernimmt die Präsidenten-Geschäfte und soll Neuwahlen vorbereiten, die in ein paar Monaten stattfinden sollen. Bis dahin soll er mit einem Technokraten-Kabinett das Land regieren. Doch wie ernst meint es das Militär mit diesem Szenario? Hinter den Kulissen dürfte weiterhin die Armee die Zügel in der Hand halten.

Es ist schon jetzt ein Präzedenzfall für das neue Ägypten. Aber auch wenn alles so laufen sollte, wie es die Generäle signalisiert haben - die Probleme, vor denen das Land steht, haben sich über Nacht nicht einfach in Luft aufgelöst.

"Was bleibt ist eine tiefe Spaltung der Gesellschaft"

Da ist zum einen die wirtschaftliche Lage. Ägypten befindet sich in einer Krise. Die Lebensmittelpreise sind zuletzt immer weiter gestiegen, es gibt immer mehr Arbeitslose, auch wenn die offizielle Quote das nicht abbildet. Vielen Ägyptern geht es materiell schlechter als vor Beginn des Arabischen Frühling vor zwei Jahren. Durch die Unruhen der letzten beiden Jahre sind viele Touristen ausgeblieben, ein ganz wichtiger Wirtschaftszweig lahmt.

Zum anderen ist da die tiefe Spaltung der Gesellschaft. Europa und Deutschland haben in den vergangenen Monaten vorrangig die Opposition des Tahrir wahrgenommen, die gegen einen autokratischen Präsidenten aufbegehrt, der die Islamisierung im Land zum Teil schleichend, zum Teil ganz offen vorangetrieben hat. Zum vollständigen Bild der ägyptischen Gesellschaft gehören aber auch die verschiedenen islamischen und islamistischen Kräfte, allen voran die Muslimbrüderschaft als einflussreichste Kraft. Die Muslimbrüder haben noch immer die größte und am besten organisierte Partei. Das wird so bleiben. Sie haben zudem eine lange Erfahrung in der Opposition.

Diese beiden Strömungen sind ungefähr gleich stark. Das ist bei den Präsidentenwahlen im letzten Jahr deutlich geworden. Mohammed Mursi hatte sich ja nicht gegen den Willen des Volkes an die Spitze gemogelt, sondern war mit 51,7% mehr oder weniger regulär gewählt worden.

Bereits in der vergangenen Nacht, als auf dem Tahrir gefeiert wurde, ist deutlich geworden, dass die Islamisten, dass die Muslimbruderschaft so leicht nicht aufgeben wird. Auch in Nasr-City haben Zehntausende demonstriert. Und im Norden Ägyptens kam es zu neuen gewalttätigen Auseinandersetzungen als Gegner und Anhänger von Mursi aufeinander losgingen. Erneut gab es Tote und Verletzte.

Die Interimsführung mit dem vom Militär gestützten Adli Mansur und später dann ein neu gewählter Präsident, wer auch immer das sein mag, muss diese verfeindeten Strömungen miteinander versöhnen. Unter Ausschluss der Muslimbruderschaft wird das genauso wenig möglich sein wie unter Ausschluss der Opposition. Dass dieser Weg in die Sackgasse führt, ist in den letzten zwei Jahren deutlich geworden. Nur wenn das gelingt, wird das Land dauerhaft zur Ruhe kommen können.

Und vielleicht zieht auf dem Tahrir wirklich so etwas wie Normalität ein. Doch es wird wohl dauern.