Doping-Studie: "Thomas Bach muss mehr gewusst haben als er zugibt"

06.08.2013 | 11:52
Doping Studie Thomas Bach Heidi Schüller Vorwürfe Die frühere Leichtathletin und Ärztin Heide Schüller erhebt schwere Vorwürfe gegen DOSB-Präsident Thomas Bach.

Heidi Schüller: "Wer wollte, hätte es wissen können"

Nach den Enthüllungen über weitreichende Dopingpraktiken in der Bundesrepublik hat Ex-Spitzensportlerin Heidi Schüller schwere Vorwürfe gegen Thomas Bach erhoben, den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). "Thomas Bach muss mehr gewusst haben, als er jetzt zugibt. Er kann doch auch lesen", sagte Schüller in einem Interview der 'tz'. "Aber wenn man IOC-Präsident werden will, dann schweigt man besser."

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Die frühere Weitspringerin und Ärztin hatte 1972 bei den Sommerspielen in München den olympischen Eid gesprochen - als erste Frau überhaupt. Auf die jüngsten Enthüllungen habe sie "mit einem Schulterzucken reagiert, weil es mich nicht mehr aufgeregt hat. Es ist doch fast schon lächerlich, wie lange alle Veröffentlichungen verhindert wurden", sagte die heute 63-Jährige. Schüllers Fazit: "Wer wollte, hätte es wissen können."

In ihrer aktiven Zeit sei Doping vor allem in den Leichtathletik-Wurfdisziplinen alltäglich gewesen. "Jeder konnte es im Kraftraum sehen. Anabolika wurden genommen, die übrigens auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden. Dazu Cortison, das von Ärzten verschrieben wurde."

Bach sagte, er habe keine Ahnung gehabt. Auf die Frage, ob er in seiner jahrzehntelangen Athleten- und Funktionärskarriere keine Kenntnis von Dopingpraktiken erlangt habe, antwortete der Olympiasieger von 1976 im TV: "Schon als Athlet war für uns in Fechterkreisen das Thema Doping kein Thema."

Nach Veröffentlichung der Doping-Studie hatte Bach mitgeteilt, eine vom DOSB eingesetzte unabhängige Kommission unter Vorsitz des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner werde den Bericht der Berliner Humboldt-Universität evaluieren und dem DOSB-Präsidium Empfehlungen "geben für den Umgang damit und auch für Lehren für die Zukunft".

Politik will, dass auch Namen genannt werden

Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, hat kritisiert, dass die Studie über Doping in der BRD nicht komplett veröffentlicht worden ist. Im Radio sagte die SPD-Politikerin, die publizierte Minimalversion des Berichts werfe mehr Fragen auf als sie Antworten gebe. So seien vermutlich interessante Namen geschwärzt worden. Freitag sprach von einem Bericht, "der von Auslassungen und Platzhaltern wie N.N. dominiert wird".

Die Politik habe aber ein Anrecht darauf, mehr zu erfahren, auch um die richtigen Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen. Dass offiziell datenschutzrechtliche Gründe für die Auslassungen angeführt werden, hält Freitag für abwegig. "Diese Argumentation hat man sich ja auch nicht bei der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen zu eigen gemacht", sagte sie. In einem Rechtsstaat müssten gleiche Maßstäbe angesetzt werden.

Doping-Experte Werner Franke hat eine strafrechtliche Aufklärung gefordert. Wie schon bei den Prozessen gegen Verantwortliche des DDR-Dopingprogramms müssten auch die Hintermänner in Westdeutschland wegen Körperverletzung vor Gericht. "Wieso wurde etwas bestraft bei DDR-Tätern, aber nicht bei west- oder gesamtdeutschen Tätern?", sagte der Heidelberger Molekularbiologe im Hörfunk.

Franke warf den damaligen Sportprofessoren vor, nach dem "Prinzip Pontius Pilatus" vorgegangen zu sein: Man habe den Trainern Doping empfohlen und gesagt, "ich aber wasche meine Hände in Unschuld". Die meisten Wissenschaftler hätten sich also an der Dopingforschung beteiligt, aber selbst "keine Pillen verschrieben". Unter den Trainern habe es genügend gegeben, die junge Frauen "vermännlicht" hätten, indem sie ihnen Hormone verabreichten. Mehrere der Sportler seien möglicherweise inzwischen an den Folgen des Dopings gestorben, sagte Franke.

Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) hat eine längere Verjährungsfrist bei Doping-Vergehen gefordert. Es sei ein Unding, dass die Verjährungsfrist nur acht Jahre betrage, sagte Clemens Prokop im Radio. Zudem setzte sich der Jurist zum wiederholten Mal für ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland ein. "Es müssen Ross und Reiter genannt werden", verlangte er.

Bildquelle: dpa bildfunk