Dramatische Entwicklung: Vergewaltiger werden immer seltener verurteilt

17.04.2014 | 19:54
Vergewaltigung Die Chance, dass ein Vergewaltiger juristisch zur Rechenschaft gezogen wird, ist in Deutschland drastisch gesunken. Foto: Symbolbild.

Arbeitsüberlastung bei Polizei und Staatsanwaltschaft

Für eine vergewaltigte Frau ist es ohnehin schon die größte Überwindung, die Tat zur Anzeige zu bringen. Das Ergebnis einer kriminalistischen Studie bringt nun eine dramatische Entwicklung ans Licht: Die Chance, dass ein Vergewaltiger juristisch zur Rechenschaft gezogen wird, ist in Deutschland drastisch gesunken.

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Während vor 20 Jahren noch 21,6 Prozent der Opfer, die Anzeige erstattet hatten, die Verurteilung des Täters erlebten, waren es 2012 nur noch 8,4 Prozent, so Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Ein Grund dafür seien Arbeitsüberlastung bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

Beim Vergleich der Bundesländer zeigen sich unterschiedliche Tendenzen. Die Erfolgschancen der Frauen unterscheiden sich demnach von einem Bundesland zum anderen um das Sechsfache. "Gleiches gilt im Hinblick auf das Risiko der betroffenen Frauen, in ihrem sozialen Umfeld aufgrund einer gescheiterten Anzeige als Verliererin oder gar als Lügnerin dazustehen", heißt es in einer Erklärung des Instituts. "Für einen Rechtsstaat sind diese Befunde problematisch." Angaben zu den einzelnen Bundesländern machte Pfeiffer jedoch nicht, da sonst die Anzeigebereitschaft betroffener Frauen in Bundesländern mit geringer Erfolgsquote weiter sinken könne.

Mehr Tatverdächtige aus dem familiären Umfeld

Entscheidend für den Erfolg vor Gericht sei eine gute Dokumentation der Erstaussage - am besten per Video oder Tonband. "Selbst die zehn Prozent, die sowas aus welchen Gründen auch immer erfinden, kann man dadurch besser herausfinden", sagte Pfeiffer.

Laut Studie nahm auch der Anteil der Tatverdächtigen aus dem familiären Umfeld zu. Als ein Grund gilt der 1998 neu ins Gesetzbuch aufgenommene Straftatbestand der ehelichen Vergewaltigung. "Frauen sind heute viel selbstbewusster als früher und lassen sich nichts mehr gefallen - der große Wandel ist die gesteigerte Anzeigebereitschaft", sagte Pfeiffer. Schwierig sei in solchen Fällen allerdings die Beweislage, wenn Aussage gegen Aussage stehe. "Die beschuldigten Männer geben heute meist den Geschlechtsverkehr zu und berufen sich darauf, er sei einvernehmlich erfolgt", schreibt das Institut.

In der Europäischen Union hat jede dritte Frau nach Erkenntnissen der EU-Grundrechte-Agentur seit ihrer Jugend schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Das sind etwa 62 Millionen.

Bildquelle: dpa bildfunk