Entbindungskurse für den Autorücksitz: Schweden schult für die Geburt im Auto

Schweden: Entbindungskurse für den Autorücksitz
Schweden: Entbindungskurse für den Autorücksitz Kliniken oft zu weit entfernt 00:02:53
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Bis zu 200 Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus

In Schweden machen immer mehr Geburtsstationen auf dem Land dicht, deshalb müssen Frauen mit Wehen mittlerweile bis zu 200 Kilometer zurücklegen, bis sie endlich im nächsten Krankenhaus sind. Und deshalb gibt es dort nun Entbindungskurse für den Autorücksitz.

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Keiner wünscht sich eine Geburt im Auto

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einer ländlichen Gegend. Sie sind schwanger, und die Wehen haben gerade eingesetzt. "Also nehmen Sie das Auto und fahren mit Ihrem Partner zur nächsten Entbindungsstation. Was aber, wenn die 100, 200 Kilometer von Ihnen entfernt ist und Sie auch noch durch ein dünn besiedeltes Gebiet müssen, in dem das Handy kaum funktioniert?", sagt RTL-Reporterin Anna Hohns.

Nachdem klar war, dass die Entbindungsstation in Sollefteå, rund fünf Autostunden von der Hauptstadt Stockholm entfernt, geschlossen wird, hatte Stina Näslund die Idee zu dieser Schulung. "Zunächst einmal versuchen wir, die Eltern ein bisschen zu beruhigen. Dann werden sie zusammen die Strecke zur nächsten Geburtenabteilung abfahren und gucken, wie die Handyverbindung ist und wo man parken könnte, falls das Baby unterwegs kommt. Und sie werden lernen, was sie dann tun müssen und was sie im Auto dabei haben sollten", so Näslund.

Kurssteilnehmerin Sara und ihr Freund Åke erwarten im Juni ihr erstes Kind. "Ich hoffe einfach, dass es gar nicht zur Geburt im Auto kommt und wir es rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen", sagt Sara. "Man ist da draußen so völlig auf sich allein gestellt!" Etwas, vor dem auch Schwangere in Deutschland Angst haben. Um Geld einzusparen oder weil Fachärzte fehlen, werden auch bei uns immer mehr Entbindungsstationen geschlossen. Auf Sylt war es 2014 soweit. Deshalb muss auch Julia Steiner in eine Klinik aufs Festland, um ihr Töchterchen zu bekommen. Fahrtzeit: mindestens anderthalb Stunden. "Die erste Anlaufstelle wäre Flensburg, danach Husum. Das sind natürlich lange Wege", sagt die werdende Mutter.

Hebamme Anke Bertram hat beobachtet, dass es den Frauen nicht nur körperlich zusetzt, dass sie weite Wege auf sich nehmen müssen. Es wirkt sich auf auch ihre Psyche und die ihrer Kinder aus: "Es ist einfach so eine Unruhe drin. Die Frauen sind aufgewühlt, die Kinder schreien. Und es gibt einfach so viele Probleme, auch mit dem Stillen, mit der Rückbildung. Die gab es vorher nicht."

Die Politikerin, die die Geburtenstation in Sollefteå aus Kostengründen schließen ließ, schreibt, dass vergangenes Jahr 2.500 Babys im Landkreis geboren wurden. Nur eines davon im Auto. Es passiere also sehr selten. Kein Trost für die werdenden Eltern. Aber sie sind froh, dass es zumindest diesen Kurs gibt. So können sie einmal gedanklich durchspielen, was bei einer Geburt im Auto alles auf sie zukommen könnte.