EU-Krise: Flucht nach Down Under

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RTL-Reporter Niels Büngen im Gespräch mit Dimitris Koptis. Der Grieche ist wegen der Schuldenkrise nach Australien ausgewandert.

RTL-Reporter Niels Büngen berichtet aus Australien

Sie heißen Dimitris, Eleonora oder Jose und sie alle haben eines gemeinsam: Sie wollten nur noch weg aus Europa, weg von der Schuldenkrise und raus aus dem Chaos in ihrer Heimat. Besonders die Griechen sehen oft keinen anderen Ausweg, als auszuwandern. Laut griechischen Behörden haben 40.000 Griechen Interesse, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Fast jeder zweite junge Grieche ist mittlerweile arbeitslos.

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Die Anzahl der Griechen, die nach Australien kommen, hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Einer von ihnen ist Dimitris Koptis. Er kam vor neun Monaten in die Stadt Melbourne. Der 32-Jährige flüchtete vor der miesen Stimmung in Thessaloniki: "Niemand hat dort mehr gelacht, alle waren nur noch traurig. Ich sah einfach keine Zukunft für meine Kinder", erzählt er mir. Ich treffe ihn auf dem South Melbourne Market, wo er als Fischverkäufer arbeitet und genug verdient, um seine Frau und seine zwei kleinen Kinder zu versorgen. Nach nur einer Woche fand er einen Job, sagt Dimitris, während er die Kisten mit frischem Lachs stapelt.

"Nach Australien zu gehen, war meine letzte Chance"

Rund 20.000 Europäer kommen jedes Jahr nach Australien. Eine von ihnen ist auch Eleonora. Nachdem sie erst monatelang auf Bananenfarmen gejobbt hat, arbeitet sie jetzt in einer Sprachschule. Zuhause in Turin war sie arbeitslos, ohne Aussicht auf einen festen Job: "Ich bin regelrecht aus Italien geflohen. Es steht dort doch alles kurz vor dem Kollaps. Nach Australien zu gehen, war meine letzte Chance. Ich bin froh, dass ich es getan habe."

Massimo Bigal ist ebenfalls aus Italien. Ohne Arbeit und mit jeder Menge Frust kam er erst vor zwei Wochen nach Melbourne. Das größte Problem, sagt der gelernte Bankkaufmann, sei doch, dass die meisten seiner Landsleute faul seien und den Ernst der Lage noch nicht kapiert hätten. Der 30-Jährige will sich jetzt so schnell wie möglich einen Job suchen. Drei Vorstellungsgespräche hat er schon.

Australien gilt als klassisches Einwanderungsland. Jeder vierte Einwohner von Down Under ist mittlerweile im Ausland geboren. Das Land ist durch die boomenden Rohstoffexporte von der Finanzkrise so gut wie verschont geblieben. Die Arbeitslosigkeit liegt bei fünf Prozent, dazu hatte Australien zuletzt das höchste Wirtschaftswachstum aller Industrieländer.

In einer Sprachschule treffe ich den Spanier Jose Alonso. Für den Manager der Schule ist die Krise in Europa ein Segen: Fast fünf Mal so viele Studenten kommen. Jose, der selbst vor der Krise geflohen ist, sagt, die meisten seiner Studenten sind Spanier und Italiener. Rund eine Million Menschen mit italienischen Wurzeln leben bereits in Australien, jeden Monat werden es mehr.

Zurück zu Dimitris auf den Fischmarkt: Sein Zehn-Stunden-Tag ist fast vorbei. Auch wenn das Leben hier fast doppelt so teuer wie in Europa ist, ist er glücklich hier zu sein. Die Arbeit mache ihm Spaß und seine Kunden hätten fast immer ein Lächeln im Gesicht. Seine Verwandten und Freunde in Griechenland vermisst er sehr. Doch sein Leben, meint Dimitris, sei jetzt nun mal hier, weit weg von den Sorgen in seiner Heimat Griechenland.


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